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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann zur Eröffnung des "Festspiels der deutschen Sprache"

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Freitag, 6. September 2013
Ort:
Bad Lauchstädt

Mit der Uraufführung des Stückes "Neun Nonnen fliehen" von Rolf Hochhuth wurde das diesjährige "Festspiel der deutschen Sprache" im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt eröffnet. In seiner Rede bekannte sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann zur "so umfangreichen, öffentlich finanzierte kulturellen Infrastruktur in Deutschland".

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

um in das traditionsreiche Goethe-Theater hier in Bad Lauchstädt zu kommen, braucht man im Grunde gar keine Aufforderung. Aber der erste Anstoß kam für mich vor allem durch Hans-Dietrich Genscher, der ja aus dieser Region stammt, und der mich gebeten hat, das Theater doch einmal zu besuchen. Den tatsächlichen Ausschlag aber, den gaben Sie, liebe Edda Moser, mit Ihrer charmanten Überzeugungskraft!

Sie sind die Seele des Festspiels der deutschen Sprache, Sie haben es 2006 ins Leben gerufen, und Sie organisieren es hier in Bad Lauchstädt seit nunmehr sieben Jahren mit dem Ziel, unsere wunderbare Sprache zu pflegen und zu feiern. Es ehrt und schmückt diesen Ort, dass Sie, liebe Edda Moser, nach einer großartigen Karriere als eine der renommiertesten Sopranistinnen unserer Zeit, die auf den bedeutendsten Bühnen der Welt zu Hause war, dieses Festspiel ausrichten – und das unermüdlich, mit ansteckender Begeisterung und größter Professionalität! Dafür höchste Anerkennung und Dank zugleich.

Meine Damen und Herren,
heute wird Deutsch von rund 100 Millionen Menschen gesprochen und ist damit die am stärksten verbreitete Sprache Europas. Die Muttersprache ist der Urstoff der Kreativität. Darum hat vor etwas über zwei Monaten der Deutsche Bundestag einen Antrag mit der Überschrift beschlossen „Deutsche Sprache fördern und sichern“. Darin heißt es: "Die deutsche Sprache ist das prägende Element der deutschen Identität und Kultur… Die Gemeinsamkeit der Sprache ist auch eine Grundlage unseres Nationalstaats. […] Sie zu pflegen und zu erhalten, ist deshalb eine Verpflichtung".

Jedoch in Zeiten, in denen das Deutsche als Arbeitssprache aus den europäischen Institutionen zu verschwinden droht, in Zeiten, in denen sogar der Duden – ob zu recht oder unrecht, das sei dahin gestellt –, durch den Verein Deutsche Sprache, in dem auch Edda Moser Mitglied ist, die Negativ-Auszeichnung "Sprachpanscher des Jahres" erhält, in diesen Zeiten ist es gut, die Schönheit unserer Sprache funkeln zu lassen und sie immer wieder neu zu entdecken. Das hat sich das Festival der deutschen Sprache auf die Fahnen geschrieben, und dafür steht es Jahr für Jahr.

Ich verrate kein Geheimnis, liebe Edda Moser, wenn ich erzähle, dass Sie bei Ihrem Besuch bei mir im Bundeskanzleramt im vergangenen Jahr nicht nur eine Einladung nach Bad Lauchstädt aussprachen, sondern dass Sie auch – in gewinnender und charmanter Weise – nachfragten, ob der Bund nicht einen Beitrag zur Finanzierung leisten könne. Ich musste leider darauf hinweisen, dass der Bund aufgrund der Kompetenzverteilung im Föderalismus grundsätzlich keine Theater unterstützt, das ist Sache von Ländern und Kommunen. Aber, da wir uns mitten in der Lutherdekade zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum befinden, schlug ich Ihnen vor, sich dieses Themas anzunehmen und so eine Projektförderung des Bundes zu ermöglichen. Das ist mit der heutigen Inszenierung geschehen.

Die Reformation, deren 500. Jubiläum wir 2017 begehen, war mehr als ein kirchliches Ereignis. Von ihr gingen entscheidende Anstöße zu humanistischen Zielen wie Freiheit und Selbstbestimmung, Aufklärung und Menschenrechte aus, die nicht nur ausschlaggebend für die deutsche Geschichte, sondern von weltweiter Bedeutung sind. Ministerpräsident Haseloff hat schon in anschaulicher Weise die Bedeutung Luthers für die deutsche Sprache herausgestellt – ich möchte das nicht wiederholen.

Die Bundesregierung nimmt das Jubiläum zum Anlass, gemeinsam mit der evangelischen Kirche und den Ländern die Reformation mit einer Vielzahl von Aktivitäten zu würdigen und das große Jubiläum 2017 vorzubereiten.

Sie stellt dafür insgesamt 35 Millionen zur Verfügung, mir ist die Rolle des Koordinators für die gesamte Bundesregierung aufgetragen worden, denn auch andere Ressorts beteiligen sich an den Aktivitäten – so wird zum Beispiel das Auswärtige Amt über seine Goethe-Institute die Reformation und ihre Bedeutung weltweit zu einem Thema machen.

Das Land Sachsen-Anhalt kann mit Fug und Recht als Herzland der Reformation bezeichnet werden. In Wittenberg fand mit dem Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 die Initialzündung für die Ausbreitung der Reformation statt, hier sind zahlreiche Stätten des Wirkens von Martin Luther und anderer Reformatoren.

Darum wurde auch die staatliche Geschäftsstelle "Luther 2017" in Wittenberg angesiedelt, die die bundesweiten Projekte koordiniert.

Hier in Sachsen-Anhalt wurden bereits Vorhaben mit insgesamt knapp 4 Mio. Euro aus dem Programm der Bundesregierung unterstützt – das ist ungefähr ein Drittel der bislang für ganz Deutschland bewilligten Mittel! Die Uraufführung des heutigen Theaterstücks "Neun Nonnen fliehen" gehört zu diesen Projekten – und wir sind sehr gespannt, welchen Zugang Sie, lieber Rolf Hochhuth, uns heute zur Reformation bieten werden!

Kann es für das "Festspiel der deutschen Sprache" einen passenderen Ort geben als das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt? Ich glaube nein.

In Sachsen-Anhalt entstand im Mittelalter mit dem Sachsenspiegel das erste große deutsche Rechtsbuch, und hier wurde mit der "Fruchtbringenden Gesellschaft" des Fürsten Ludwig von Anhalt-Köthen die erste deutsche Sprachakademie gegründet – auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Thesenanschlag durch Martin Luther in Wittenberg.

Das Goethe-Theater ist zudem ein architektonisches Kleinod und zugleich ein Dreh- und Angelpunkt deutscher Theater- und Bühnengeschichte. Hier hat Goethe als Theaterleiter mit dem Weimarer Ensemble gewirkt, und hier – das soll im Wagner Jahr keinesfalls unterschlagen werden – begann 1834 Richard Wagner seine Laufbahn als Kapellmeister.

Meine Damen und Herren,

vor dem Hintergrund von Wirtschafts- und Finanzkrise stellt sich die Frage: Können wir uns eine so umfangreiche, öffentlich finanzierte kulturelle Infrastruktur in Deutschland weiterhin leisten? Brauchen wir sie alle, die 150 Theater und 130 Orchester, die die öffentliche Hand komplett finanziert, die tausenden von Museen, und Ausstellungshallen, die zu einem großen Teil von der öffentlichen Hand getragen bzw. substanziell gefördert werden? Meine Antwort ist: Ja, ja – und nochmals ja!

Denn es ist die Kultur, die unser Wertefundament bildet, es sind die Künste, die uns zum Reflektieren und Besinnen ermuntern, die ganz wesentlich die Basis unseres Gemeinwesens bilden.

Die kulturelle Vielfalt in Deutschland ist ein Teil unseres historischen Erbes, das wir pflegen müssen. Kultur prägt die Identität unseres Landes, sie gibt uns Heimatgefühl und ist damit auch der sichere Boden, von dem aus wir anderen Kulturen begegnen.

Ich freue mich nun auf die wunderbaren Schauspielerinnen und Schauspieler der heutigen Uraufführung und wünsche uns allen viel Freude und gute Unterhaltung!

Freitag, 6. September 2013

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