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Rede von Staatsminister Bernd Neumann anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Ingmar Bergman – Von Lüge und Wahrheit“

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Mittwoch, 26. Januar 2011
Ort:
Deutsche Kinemathek

In seiner Rede in der Deutschen Kinemathek ging Kulturstaatsminister Bernd Neumann vorab auf die schockierende Nachricht über den Tod von Bernd Eichinger ein und sprach danach über das Leben und Werk Ingmar Bergmans, den Start der 61. Berlinale und die Bereitstellung finanzieller Mittel zur Kinodigitalisierung.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

wir sind heute Abend zusammen gekommen, um die Leistung des großen Filmemachers Ingmar Bergman zu würdigen. Jedoch in Anbetracht der schockierenden Nachricht über den Tod von Bernd Eichinger, der mitten aus dem aktiven künstlerischen Schaffen gerissen wurde, nur einige wenige Bemerkungen zuvor.

Bernd Eichinger war ein ganz Großer des Films – national wie international erfolgreich als Autor, Regisseur und Produzent. Er hat den Film in den letzten Jahrzehnten so nachhaltig wie niemand sonst in Deutschland geprägt. Er war Motor des deutschen Films – sein sicheres Gespür für Themen und Stoffe beeindruckte und begeisterte Millionen von Zuschauern. Bernd Eichinger war auch Wegbereiter der Deutschen Filmakademie. Er wird der deutschen Filmwelt und uns allen sehr fehlen. Deutschland hat seinen erfolgreichsten Filmemacher verloren!

Meine Damen und Herren,
Zeit seines Lebens hat Ingmar Bergman nie das Rampenlicht gesucht – obwohl er angesichts von rund 60 hoch- und höchstkarätigen Auszeichnungen dazu reichlich Gelegenheit gehabt hätte. Der Titel der Ausstellung „Ingmar Bergman – Von Lüge und Wahrheit“ hat seine Ursache in der die Öffentlichkeit scheuenden, eher introvertierten Haltung von Ingmar Bergman.

Beinahe könnte man den schwierigen Umständen bei Preisverleihungen an Ingmar Bergman eine eigene Ausstellungsreihe widmen. Ingmar Bergman hat nicht nur den europäischen Film um ganz große und in ihrer unbestechlichen und doch einfühlsamen Zeichnung des Menschlichen zeitlose Filme bereichert. Er hat sich darüber hinaus als erster Präsident der Europäischen Filmakademie überaus verdient gemacht, die ihn schon in ihrem Gründungsjahr 1988 als ersten Preisträger mit dem Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk auszeichnete.

Die Deutsche Kinemathek rückt in der Ausstellung, die wir heute eröffnen, den Menschen Ingmar Bergman in den Mittelpunkt und gewährt einen faszinierenden Zugang zum Seelenleben dieses scharfen Beobachters. Die Einzigartigkeit und die Begabung dieses Magiers der bewegten Bilder waren nicht zuletzt auch für die UNESCO der Grund, im Jahr 2007 das Ingmar Bergman-Archiv, aus dem ein Großteil der Exponate für diese Ausstellung stammt, in die Weltliste des Dokumenten-Erbes aufzunehmen. Die Ausstellung der Kinemathek greift also auf ganz einzigartige Zeugnisse eines großen Künstlerlebens zurück.

Die Deutsche Kinemathek hat die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der American Film Academy konzipiert, darum wurde sie bereits – in etwas kleinerer Form – in Los Angeles gezeigt. Auch angesichts dieser besonderen internationalen Dimensionen halte ich die Entscheidung für richtig, die Stiftung Deutsche Kinemathek zusätzlich mit Sondermitteln in Höhe von 70.000 Euro aus meinem Haushalt bei dieser Ausstellung zu unterstützen.

Zum Gelingen der Ausstellung haben ganz wesentlich sämtliche schwedischen Partner beigetragen, die den Nachlass des Künstlers verwahren, vor allem die Ingmar-Bergman-Stiftung, die bereitwillig ihre Archive für die beiden Kuratoren der Kinemathek geöffnet hat. Diese gute Kooperation zeugt vom großen Vertrauen in die Arbeit der Deutschen Kinemathek und darüber hinaus von stabilen kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Schweden. Frau Ministerin Lena Adelsohn Liljeroth wird in diesem Jahr die Berlinale mit ihrem Besuch beehren. Auch vor diesem Hintergrund, lieber Herr Botschafter, würde ich mich sehr freuen, wenn unsere Ausstellung über Ingmar Bergman ebenso in ihrem Land präsentiert werden könnte!

Ingmar Bergman hatte eine ganz besondere Beziehung zu Deutschland, in das er schon in den 30er Jahren als Austauschschüler kam. Später lebte er dann fast zehn Jahre in Deutschland (1976 - 1985). Er schätzte die deutsche Kultur, allem voran die Musik. Als der 87jährige Regisseur 2005 anlässlich einer Aufführung seines Meisterwerks „Wie in einem Spiegel“ gefragt wurde, woran er denn glaube, antwortete er, er glaube an andere Realitäten und Welten, vor allem aber an Bach und Beethoven, sie seien seine wahren Propheten.

Bergmans Auseinandersetzung mit der Existenz Gottes in „Das Schweigen“ – seinem wohl berühmtesten Film der Glaubenstrilogie – beschäftigte 1963 sogar den 4. Deutschen Bundestag. Damals wurde die Freigabe des Films ab 18 Jahren ohne Schnittauflagen durch die Freiwillige Selbstkontrolle kritisiert. 11 Millionen Bundesbürger sahen „Das Schweigen“ im Kino – wie wir wissen, nicht nur aufgrund der vom Film aufgeworfenen Frage nach der Existenz Gottes, sondern wegen der für damalige Verhältnisse außerordentlich freizügigen Szenen.

In den Siebzigern erreichte Ingmar Bergman mit „Szenen einer Ehe“ ein Millionenpublikum. Als er in München lebte, zeigte er die „Szenen einer Ehe“ als Theaterstück. Später, verehrte Frau Russek, waren Sie als Regisseurin mit der Theaterfassung international erfolgreich.

Meine Damen und Herren,
für mich ist die Ausstellung „Ingmar Bergman - Von Lüge und Wahrheit“ ein vortreffliches Beispiel dafür, dass unser filmkulturelles Erbe nicht nur erhalten wird, indem man die Filme und Fernsehproduktionen konserviert, sondern z.B. in Ausstellungen wie dieser auch dem Laien neue Inspirationen und neue Zugänge zum Werk ermöglicht. Das Werk von Ingmar Bergman wird bald in Gänze hier in Berlin zu sehen sein. Die heutige Ausstellungseröffnung ist nämlich sozusagen schon ein Stück Berlinale.

1958 wurde Bergmans Film „Wilde Erdbeeren“ mit einem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet – jetzt ist Bergman wieder ein Berlinale-Star. Am 10. Februar startet das größte Besucherfestival der Welt zum 61. Mal – und mit ihm eine Retrospektive aller Filme von Ingmar Bergman. Mit der Retrospektive holt die Berlinale ein Oeuvre zurück auf die Leinwand, das dort – wie so viele überragende Werke der Filmkunst – leider kaum mehr präsent ist.

Obwohl es natürlich schön ist, dass heute ein großer Teil der epochalen Werke der Filmgeschichte auf DVD vorliegen, so kann ich mich auch persönlich nicht damit anfreunden, diese – im wahrsten Sinne – „Filme von Format“ nur auf einem Bildschirm anzuschauen. Ich würde mich freuen, wenn die Kinos – auch jenseits von Festivals wie der Berlinale – mehr Filmklassiker zeigten, die ja oft schon digitalisiert sind. Damit das möglich ist und gerade kleinere Kinos mit künstlerischem Anspruch den Anschluss an den Filmmarkt nicht verpassen, habe ich in meinem Haushalt für die nächsten Jahre beträchtliche finanzielle Mittel eingestellt, die die flächendeckende Digitalisierung unterstützen.

Meine Damen und Herren,
Ingmar Bergman wünschte seiner  Kostümbildnerin Charlotte Flemming einmal – ich zitiere: „Die Besessenheit, die notwendig ist um auszuhalten und zu überleben in unserem Menschen fressenden Beruf“. Dies ist etwas, was auch uns Politikern nicht fremd ist. Ich freue mich auf den Einblick in die besondere Persönlichkeit dieses Filmbesessenen und danke Herrn Dr. Rother und der Kinemathek für ihre wie immer beeindruckende Arbeit. Der Ausstellung „Ingmar Bergman - Von Lüge und Wahrheit“ wünsche ich viel Erfolg!

Mittwoch, 26. Januar 2011

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