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Rede von Staatsminister Bernd Neumann anlässlich der Präsentation der Heinrich-Böll-Gesamtausgabe

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Mittwoch, 17. November 2010
Ort:
Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Kulturstaatsminister Bernd Neumann ging in seiner Rede in der Heinrich-Böll-Stiftung auf das Leben und das Werk Heinrich Bölls ein. Auch sprach er die Themen Künstlersozialversicherung, Urheberrecht und Erhalt schriftlichen Kulturguts an.

- Es gilt das gesprochene Wort. -
 
Anrede,

als Heinrich Böll am 16. Juli 1985 starb, war dies der FAZ und anderen Zeitungen die Hauptschlagzeile auf der Titelseite wert. „Dichter, Narr, Prediger“ überschrieb Marcel Reich-Ranicki seinen Nachruf. Der heute noch lesenswerte Text würdigte den Schriftsteller und sein Werk eher beiläufig. Merkens- und bemerkenswert erschien Reich-Ranicki vor allem die Persönlichkeit Bölls: „Böll war glaubwürdig, und er ist es geblieben bis zu seinem letzten Tag. … Sein Leben und sein Werk waren frei von Lug und Trug. … Einen solchen Lehrmeister hatte Deutschland noch nie. …“

25 Jahre sind seither vergangen, 25 Jahre bewegter Geschichte in Deutschland, in Europa, in der Welt. Böll war seinerzeit, in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Figur des öffentlichen Lebens, eine Institution. Das ist Vergangenheit, fast möchte man sagen: ferne Vergangenheit. Doch diese Vergangenheit wird uns an dem erfreulichen Anlass unserer heutigen Begegnung wieder gegenwärtig: Mit der nun abgeschlossenen Gesamtausgabe der Werke Heinrich Bölls betritt wieder der Schriftsteller die Bühne, dessen Werke 1972 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden und der bis heute zu den wichtigsten und bekanntesten Schriftstellern Deutschlands und darüber hinaus gehört.

Böll war ein Autor, der zu allererst schrieb, weil er litt und weil  er gelitten hatte, weil er etwas erlebt hatte, was nie wieder passieren sollte und durfte. Was er schrieb und wie er schrieb hatte ihm das Leben aufgegeben, sein Leben in der Nazi-Zeit und vor allem als Soldat. Böll war wie alle Deutschen seiner Generation ein Versehrter seiner Zeit und des Krieges.

Die persönlichen und individuellen Lebenserfahrungen, welche zumindest in Teilen die Lebenserfahrungen einer ganzen Generation waren, ließen einen Mann wie Heinrich Böll zum politischen Schriftsteller werden. Diesen Typus hat er damals wie kein anderer deutscher Autor verkörpert. Seine Erzählung von der „verlorenen Ehre der Katharina Blum“ steht bis heute paradigmatisch für politische Literatur im besten Sinne und ist deshalb nach wie vor Schulstoff in den oberen Klassen. Nach dem „Gruppenbild mit Dame“ war diese Erzählung wie auch seine Verfilmung durch Volker Schlöndorff 1975 für mich persönlich die nachhaltigste Berührung mit dem Werk Heinrich Bölls.

Sein Werk gehört zum nationalen literarischen Erbe Deutschlands. Vieles mag vergessen werden – manches wird bleiben, weil es zwar von seiner Zeit geprägt, aber in einem gewissen Sinne auch zeitlos ist. Reich-Ranicki stellte damals im Nachruf fest: „Ob man im nächsten Jahrhundert seine Romane noch lesen wird, wissen wir nicht. Aber solange es eine deutsche Literatur geben wird, wird man seiner mit Respekt und Dankbarkeit gedenken.“

Ich freue mich, dass nach neun Jahren ausdauernder Arbeit die „Kölner Ausgabe“ der Werke Bölls nun geschlossen vorliegt. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, in dem das gesamte Hauptwerk Bölls erschienen ist, verwirklicht das größte editorische Projekt seiner Geschichte: Eine auf 27 Bände angelegte, textkritisch durchgesehene und kommentierte Kölner Ausgabe der Werke Heinrich Bölls. Zu dieser beachtlichen und beeindruckenden Edition möchte ich voran Helge Malchow und seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch wie auch den Herausgebern herzlich gratulieren! Ihnen ist eine einmalige Ausgabe gelungen.

Wenn der Bund sich auch aus guten Gründen bei der Finanzierung von Verlagsprojekten, auch ambitionierten und verdienstvollen, zurückhält, so war es doch seinerzeit eine gute Entscheidung des ersten Kulturstaatsministers, hier eine Ausnahme zu machen und die Gesamtausgabe mit damals 700.000 DM zu unterstützen, die mit dem besonderen Rang und Status eines Nobelpreises begründet wurde. Entstanden ist somit das literarische Denkmal eines Autors von internationaler Geltung, das uns Deutschen gut zu Gesicht steht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
der neuen Heinrich-Böll-Gesamtausgabe ist im Kontext der jüngeren Geschichte der Heimatstadt Bölls noch eine ganz  besondere, so nicht vorhersehbare Rolle zugewachsen. 
Der Einsturz des Gebäudes des Historischen Archivs der Stadt Köln im letzten Jahr hat gezeigt, dass unser kulturelles Erbe immer  wieder unvorhergesehenen Bedrohungen ausgesetzt ist. Der Einsturz des Archivs war ein Menetekel. Der Verlust eines über 1200 Jahre gewachsenen Bestandes wertvoller Originalquellen und eines der bedeutendsten europäischen Stadtarchive bedeutet nicht nur für Köln, sondern für unser Land einen unermesslichen Schaden.

Leider waren und sind, soviel ist sicher, auch Bestände aus dem Nachlass Bölls betroffen, wenn auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Umfang der Verluste nicht feststeht und man erst in zwei bis drei Jahren mehr wissen wird. Glück im Unglück aber war im Falle Bölls, dass sich die für die Werkausgabe benötigten Teile des Nachlasses zum Zeitpunkt des Unglücks nicht im Stadtarchiv befanden und so der Zerstörung entgingen. So war der fristgerechte Abschluss der Werkausgabe möglich. Ich halte es für eine besonders dringliche nationale Aufgabe, der Zukunft dem möglichen Verlust von Dokumenten und Geschichtszeugnissen aller Art entgegenzutreten.

Eine Anregung der Allianz gegen Zerfall schriftlichen Kulturguts habe ich daher in Zusammenarbeit mit den zuständigen Länderministern gerne aufgenommen und die Einrichtung einer Koordinierungsstelle zum Erhalt schriftlichen Kulturguts initiiert. Diese Koordinierungsstelle wird von Bund und Ländern getragen und derzeit aufgebaut. Die ersten Mittel für Pilotprojekte in diesem Bereich sind bereits vergeben.

Meine Damen und Herren, was machen wir jetzt mit dieser wundervollen Böll-Edition?

Gotthold Ephraim Lessing schrieb 1756: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? - Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“ Erhoben worden ist Heinrich Böll zweifelsohne. Wir feiern hier gemeinsam in den Räumen einer politischen Stiftung, die seinen Namen trägt, und wir haben diese Räume betreten über einen von Via Lewandowsky (Villa-Massimo-Stipendiat 2011) nach Motiven Bölls gestalteten (Die bekannte Erzählung „Die schwarzen Schafe“ von 1957) repräsentativen, und doch idyllisch anmutenden Teppich mit weißen und schwarzen Schafen.

Wir alle aber wissen, dass es damit nicht getan ist, dass diese Ausgabe in Bibliotheken steht. Wird Böll auch in Zukunft gelesen und nicht nur als „Klassiker“ ad acta gelegt? Angesichts der reichen Fülle des literarischen Erbes allein in deutscher Sprache sicherlich eine Herausforderung. Ich denke, gerade die Werkausgabe lässt deutlicher werden als bisher, was von den Werken Bölls über die Zeit Bestand haben könnte. Böll hat sich konformistischem Denken stets entzogen. Er war damit gewissermaßen ein struktureller Oppositioneller, ein introvertierter und an seiner Zeit auch leidender Zeitgenosse.

Hierin war er glaubwürdig, war er authentisch, hierin war und ist er ein Zeitgenosse auch anderer Gegenwarten als seiner eigenen. Genau hierin aber liegt auch die Chance für eine fortgesetzte oder neu einsetzende Auseinandersetzung mit ihm. Sicherlich wird Böll heute, eine Generation nach seinem Tod, nicht mehr als der Provokateur gesehen und erlebt werden können, der er zu seiner Zeit war. Die Geschichte der Bundesrepublik, der alten westdeutschen Bundesrepublik, und die politischen Provokationen, die Böll ihr zugemutet hat, gehören zusammen. Damals wäre mir als jungem CDU-Politiker kaum ein Gedanke ferner gewesen, als einmal als Staatsminister eine Laudatio auf Heinrich Böll zu halten.

Vieles von dem, was für Böll noch politischer Alltag, politische Realität war, ist Geschichte. Damit ist auch der Blick auf das, was den herausragenden Rang Bölls als Schriftsteller ausmacht, wieder unverstellt möglich. Was aber sein Werk jenseits eines Bezuges zu tagespolitischer Aktualität angeht, so ist es vielleicht sein – lutherisch anmutender - Anspruch auf Autonomie, auf die freie, individuell begründete Parteilichkeit, die überdauern und spätere Generation en noch ansprechen wird, gerade weil sich dieser Anspruch als Haltung auch in seinem Werk manifestiert.

Heinrich Böll hat seine moralischen Ansprüche auch gelebt. Man mag seine Menschenzugewandheit, seine - immer wieder auch materielle - Hilfsbereitschaft auf seine katholischen Wurzeln zurückführen. Wurzeln waren es insofern, als er aus Ihnen lebte, aus ihnen Kraft und Nahrung bezog. Legendär sind die Geschichten ganz konkreter Hilfe für bedrängte Schriftsteller-Kollegen, etwa den russischen Schriftsteller Lew Kopelew.

Geholfen hat er – auf andere Weise – auch den deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Vor einem Jahr habe ich auf einem Kongress des Verbandes der Deutschen Schriftsteller (VS) anlässlich dessen Gründung vor 40 Jahren auch über Heinrich Böll gesprochen. Sein mittlerweile geflügeltes Diktum vom „Ende der Bescheidenheit der Autoren“ richtete sich an seine Kolleginnen und Kollegen, aber auch an die Politik.

Heute ist der Verband Deutscher Schriftsteller der größte Berufsverband von Autorinnen und Autoren und von Übersetzerinnen und Übersetzern in Deutschland. Böll ist also auch einer der „Urväter“ des heute selbstverständlichen Systems der sozialen Sicherung für freischaffende Künstler, dass ich jederzeit mit Überzeugung unterstütze. Die Künstlersozialversicherung ist eine Errungenschaft, die es zu erhalten und zu sichern gilt. Auch sehe ich mich in diesem Zusammenhang politisch in der Verantwortung, den Schutz des geistigen Eigentums, der gerade für Künstlerinnen und Künstler so wichtig ist, zu sichern, das Urheberrecht zu schützen und eine angemessene Vergütung der Übersetzerinnen und Übersetzer durchzusetzen.

Zum Abschluss noch einmal: Ich danke allen Beteiligten für ihr verlegerisches und wissenschaftliches Engagement und die notwendige Beharrlichkeit, die für die Bewältigung solch eines Großprojektes erforderlich sind. Die Ausgabe ist eine gute Voraussetzung dafür, dass das literarische und geistige Erbe Heinrich Bölls lebendig bleibt und es weiter wirken kann. Denn Heinrich Böll ist, wie Theodor Adorno schon 1967 schrieb, in den Augen der Welt längst „wirklich zum geistigen Repräsentanten des Volkes geworden, in dessen Sprache er schreibt.“

Mittwoch, 17. November 2010

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