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Rede von Staatsminister Bernd Neumann anlässlich der Verleihung des "Ehren-Echo" an Daniel Barenboim

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Mittwoch, 20. März 2013

Die Stiftung "Musik hilft" hat den Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim für sein großes soziales Engagement ausgezeichnet. "Daniel Barenboim besitzt das Geschick, seine soziale Kompetenz und künstlerische Autorität immer wieder erfolgreich für eine gute Sache einzusetzen", erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seiner Laudatio.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,
man kann als Musiker einfach Musik machen und damit sich selbst berufliche Erfüllung und anderen Menschen Freude bringen und musikalische Erfahrungen vermitteln. Wem das besonders gut und erfolgreich gelingt, den liebt und verehrt sein Publikum und die Fachwelt reagiert mit Preisen und Anerkennungen. Die Stiftung "Musik hilft" vergibt in diesem Jahr einen "Ehren-Echo" an einen Musiker, der schon viele solcher Ehrungen und Auszeichnungen erhalten hat, darunter neben zahlreichen Grammys auch den Echo Klassik für sein Lebenswerk.

Zu diesem Lebenswerk gehört, dass Daniel Barenboim die Staatskapelle Berlin zu einem der weltweit führenden Klangkörper gemacht hat. Seine Dynamik und Überzeugungskraft sind so ansteckend, dass ich ihm im Jahre 2005 bei unserer ersten Begegnung – unmittelbar nach meinem Amtsantritt – die Zusage der Mitfinanzierung des Bundes bei der Sanierung der Staatsoper gab, damals 50 Millionen Euro, daraus sind dann später 200 Millionen Euro geworden. Aber um diese Bereiche geht es heute nicht. Denn Daniel Barenboim hat sich wohl nie mit dem "Musik machen allein zufrieden gegeben.

Er, der sowohl ein begnadeter Pianist als auch ein herausragender Dirigent ist und der am liebsten gleichzeitig spielt und dirigiert, ist ein überaus politisch denkender und handelnder Künstler. Für ihn ist Musik kein Selbstzweck, sie ist eine künstlerische Ausdrucksform, die essentiell zur Menschwerdung dazu gehört. Sie entwickelt ihre besondere Kraft und Wirkung erst in einem sozialen Kontext. Wo aber versäumt wird, den Zugang zur Musik zu öffnen, bleibt nicht nur der Erfahrungsschatz vergangener Jahrhunderte verschlossen. Wer an der musikalischen Bildung spart, der verhindert damit, dass die Musik ihr Potential für die Menschwerdung entfaltet.

In tiefer Sorge um den Rückgang des Musikunterrichts in den Schulen, den Rückgang des häuslichen Singens und Musizierens hat Daniel Barenboim die Gründung eines Musikkindergartens in Berlin initiiert, der 2005 Wirklichkeit wurde. Musikerinnen und Musiker der Staatskappelle Berlin sowie Mitglieder des Staatsopernchores unterstützen den Maestro durch ehrenamtliche Einsätze in dieser Einrichtung. Es geht ihm und seinen Mitstreitern vor allem darum, die Sinne zu schulen, Rhythmusgefühl zu entwickeln, Bewegungen zu koordinieren – kurz: musikalische Befähigungen zu erwecken und vor allem hören zu lernen.

Das "Hören lernen" ist die Brücke zu einem weiteren Projekt Daniel Barenboims, das weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas 1999 in Weimar gründete er zusammen mit seinem aus Palästina stammenden Freund und Schriftsteller Edward W. Said das West-Eastern-Divan Orchestra. Daniel Barenboim führte Musiker im Alter von 14 bis 25 Jahren aus arabischen Staaten und aus Israel zusammen, formte aus Ihnen einen überraschend homogenen Klangkörper. Die Philosophie des Projektes formuliert der Dirigent so: "Jeder Musiker hört aufmerksam auf die Stimme des Komponisten und seine Mitspieler. Harmonie innerhalb persönlicher oder internationaler Beziehungen kann nur durch Zuhören entstehen. Jeder öffnet seine Ohren für die Standpunkte und Schilderungen des Anderen."

Über diesem Orchester, das seither in jedem Jahr zu einer Arbeitsphase und zu Konzerten zusammen kommt, lag und liegt eine große Spannung. Denn die Frage bleibt, ob die Musik, ob das gemeinsame Musizieren tatsächlich die Gräben überwinden kann, die Kriege, Gewalt und Terror in den Köpfen und Herzen der Menschen hinterlassen haben. Daniel Barenboim besitzt die Integrität und die künstlerische Autorität, die Musikerinnen und Musiker für die Botschaft der Musik zu öffnen, die eine Botschaft der Menschlichkeit ist. Und über das gemeinsame Musizieren wachsen Respekt, Anerkennung, Vertrauen. Wenn es immer so einfach wäre - man wünschte sich viele solcher Orchester.

Aber ohne eine solche Vision würde es auch keine Hoffnung auf Frieden geben, und die Hoffnung liegt in der jungen Generation. Die Botschaft, die dieses Orchester trägt, wird in der ganzen Welt verstanden, aber sie war wohl nirgends so eindrücklich, wie 2005 beim Konzert in Ramallah. Daniel Barenboim besitzt das Geschick, seine soziale Kompetenz und künstlerische Autorität immer wieder erfolgreich für eine gute Sache einzusetzen, die selbst bei unserer Bundeskanzlerin immer wieder Wirkung hinterlässt.

So ist es nur seiner Persönlichkeit zu verdanken, dass der Deutsche Bundestag im Herbst letzten Jahres beschloss, seinem neuen Projekt – der Gründung der Barenboim-Said-Akademie – in den kommenden Jahren 20 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Lieber Michael Naumann, Sie begleiten ja dieses Projekt bei der Realisierung; Sie haben bereits bei Bundestagsabgeordneten und mir für die Mitfinanzierung des Bundes geworben. Aber ohne das Vertrauen in die Persönlichkeit von Daniel Barenboim hätte der Bundestag – trotz Schuldenbremse – niemals eine solch beachtenswerte Summe genehmigt.

Mit diesem Projekt möchte Daniel Barenboim nun das Prinzip des West-Eastern Divan Orchestra auf eine neue Stufe heben. Mit der Gründung der Barenboim-Said-Akademie geht der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden den nächsten Schritt, in dem er über die bisherigen Arbeitsphasen hinaus jungen Menschen aus Nahost die Möglichkeit einer zweijährigen Qualifizierung gibt.

Aus all den von mir genannten Gründen bin ich persönlich sehr froh, dass neben dem künstlerischen nun auch das soziale Engagement des Dirigenten eine besondere Ehrung erfährt. Die Stiftung "Musik hilft" verleiht den Ehren-Echo für soziales Engagement an – Daniel Barenboim. Herzlichen Glückwunsch.

Donnerstag, 21. März 2013

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