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Dienstag, 28. Dezember 2010

Schavan: Slogan des Jahrzehnts muss Talentsuche sein

Interview mit:
Annette Schavan
Quelle:
im "Handelsblatt"

Bildungsministerin Annette Schavan ist zufrieden mit dem Bildungsjahr 2010: 46 Prozent eines Jahrgangs studieren, das Deutschland-Stipendium ist gestartet und das Bafög erhöht. Ziel müsse sein, dass jeder einen Beruf ausüben könne, sagt Schavan im Handelsblatt.

Studentin Begabte unabhängig vom Elterneinkommen fördern Foto: Ulf Dieter

Handelsblatt: Frau Schavan, der Bildungsgipfel gescheitert, die 15-Jährigen im Lesen nur Durchschnitt, die Hochschulen überlaufen, sinkende Chancen auf einen Masterstudienplatz – sind Sie stolz auf das Bildungsjahr 2010?

Annette Schavan: Ich halte dagegen: 46 Prozent eines Jahrgangs studieren – vor fünf Jahren waren es nur 36 Prozent, wir haben das Deutschland-Stipendium gestartet und das Bafög erhöht. Bei Pisa sind wir in Mathe und Naturwissenschaften deutlich besser, beim Lesen haben wir weiter zugelegt. Die öffentliche Hand hat dieses Jahr sage und schreibe 102 Milliarden Euro ins Bildungssystem investiert, fünf Länder planen ein gemeinsames Abitur. Und so weiter ...

Handelsblatt: Langsam. Warum lesen die 15-Jährigen nicht besser?

Schavan: Lesen ist nicht nur Sache der Schulen. Diese sind massiv reformiert worden, jetzt ist die Gesellschaft dran. Lesen muss cool werden. Dafür brauchen wir viele Akteure und langen Atem. Mein Haus finanziert das Programm ,Lesestart’: Bücher und Vorlesetipps für Eltern müssen im Wartezimmer beim Arzt liegen, Bibliotheken sollten idealerweise auch am Wochenende geöffnet sein.

Handelsblatt: Die Risikogruppe, die kaum lesen kann, ist kleiner, macht aber immer noch 18 Prozent aus.

Schavan: Ziel muss sein, dass jeder einen Beruf ausüben kann. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist niedrig. Sehr interessant ist, dass die Verbesserung bei Pisa vor allem von Migrantenkindern erreicht wurde. Das zeigt, es geht.

Handelsblatt: An der Spitze aber tut sich nichts: Die Gruppe der Top-Schüler ist weiter viel kleiner als anderswo. Versagen die Gymnasien?

Schavan: Wenn ich über Begabtenförderung rede, wird mir immer das Matthäus-Prinzip vorgehalten, wonach wir angeblich nur die ohnehin Bevorzugten fördern. Pisa zeigt, dass Förderung von Begabten genauso wichtig ist wie die der Benachteiligten. Die Gymnasien haben eine gewaltige Integrationsleistung erbracht; denn der Andrang ist riesig, in mancher Uni–Stadt sind schon zwei von drei Schülern Gymnasiasten.

Handelsblatt: Wie können Sie eine breitere Elite formen?

Schavan: Dort, wo es Schülerforschungszentren gibt, Schüler an Wettbewerben teilnehmen und Schulen mit Hochschulen kooperieren, erreichen Gymnasien super Ergebnisse. Für solche Zusatzangebote sind nicht nur die Schulleiter zuständig. Ich rate auch jeder Hochschule, sich an Gymnasien in ihrer Region umzutun: Der Slogan des Jahrzehnts muss Talentsuche sein – bei Schulen, Stiftungen und Unternehmen.

Handelsblatt: Achillesferse sind die Lehrer: In diesen Beruf drängen nicht die Besten, und die Konkurrenz der Wirtschaft wächst ...

Schavan: Bei Pisa-Siegern wie Finnland haben Lehrer ein Spitzenimage und zugleich hohe Autorität. Da hängen wir zurück, auch weil Lehramtsstudenten oft nur nebenherlaufen. Nach Jahren der Ignoranz richten Unis wie München und Bochum nun ,Schools of Education’ ein, bringen Forschung und Ausbildung zusammen. Das muss Schule machen. Daneben brauchen wir gezielte Werbung: In den 70er-Jahren wurden alle Assistenten der Naturwissenschaften angeschrieben, ob sie Lehrer werden wollen. Daran müssen wir anknüpfen, denn wir brauchen sie.

Handelsblatt: Ganztagsschulen helfen, aber es gibt nicht genug.

Schavan: Der Bund hat die Einrichtung von 7800 Ganztagsschulen gefördert. Jetzt müssen sie echte Ganztagsschulen werden: also nicht das Pflichtprogramm in den Vormittag pressen, bis die Kinder erschöpft sind, und nachmittags nur noch freiwillige AGs machen, sondern den Tag sinnvoll strukturieren. Dann setzt sich das Modell auch durch.

Handelsblatt: Die Länder sagen, sie haben nicht das Geld, um die Ausgaben für Bildung wie vereinbart auf sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern.

Schavan: Wir legen das Ziel nicht ad acta. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass die Länder immerhin trotz rückläufiger Schülerzahlen die Mittel nicht senken. Das ist ein Fortschritt. Früher mussten Kultusminister sofort Geld abgeben, wenn es weniger Schüler gab.

Handelsblatt: Und Sie können trotz üppigen Budgets wegen des neuen Kooperationsverbots im Grundgesetz nur bedingt helfen.

Schavan: Ich bin bekanntlich der Meinung, dass ein selbstbewusster Föderalismus kein Kooperationsverbot braucht. Aber es kommt mir vor wie das Goldene Kalb, um das Gegner wie Befürworter herumtanzen. Davon wird einem nur schwindlig. Wir haben trotz Kooperationsverbot noch nie so viel gemeinsam auf die Beine gestellt, die Eigenbrötlerei ist auf dem Rückzug. Wenn fünf Länder gemeinsame Abituraufgaben wollen, ist das schon eine kleine Revolution.

Handelsblatt: Die Hochschulen werden massiv ausgebaut – oft aber auf Kosten der Master-Plätze.

Schavan: Wenn man das Bundesgebiet insgesamt betrachtet, gab es bisher keine Kapazitätsprobleme beim Masterstudium.

Handelsblatt: Also Master für alle?

Schavan: Natürlich nicht. Der Bedarf steigt und fällt mit den Chancen, die Unternehmen den Bachelor-Absolventen geben. Die Wirtschaft hat jahrelang den 23-jährigen Akademiker gefordert. Nun muss sie das Versprechen, das sie den jungen Leuten gegeben hat, auch einlösen.

Handelsblatt: Mecklenburg-Vorpommern führt das Diplom wieder ein – Industrie und Arbeitgeber fürchten großes Durcheinander.

Schavan: (schmunzelt) Das Diplom darf den Master nicht ersetzen. Ansonsten bin ich da pragmatisch: Es soll schon heute Uni-Präsidenten geben, die auf das Master-Zeugnis schreiben, es entspreche dem Diplom. In Frankreich und Österreich ist das üblich. Da muss Politik gar nicht eingreifen.

Handelsblatt: Sie wollen die Deutschland-Stipendien, die der Bund zahlt, wenn sich ein zweiter Geldgeber findet, zum Erfolg machen. Also 160 000 Stipendien bis 2013?

Schavan: Wenn wir es ein bisschen später schaffen, ist das auch okay. Wichtig ist: Erstmals schaffen wir den Einstieg in eine Stipendienkultur. Erstmals fördern wir Studenten unabhängig vom Elterneinkommen. Das wollte ich unbedingt, denn es ist wichtig für die Selbstständigkeit der Studierenden, gerade wenn sie kein Bafög bekommen, weil ihre Eltern ein bisschen zu viel verdienen. Echte Stipendienkultur würde uns auch international interessanter machen.

Handelsblatt: Bauen Sie noch auf die Wirtschaft? Anders als erwartet geben deutsche Unternehmen nach einer IW-Studie derzeit nur 6000 Stipendien.

Schavan: Das ist – gerade mit Blick auf den Fachkräftebedarf – noch nicht überzeugend. Beim Deutschland-Stipendium hat die Wirtschaft jetzt die Chance, kräftig nachzulegen.

Handelsblatt: Apropos Fachkräfte: Wann sinkt die Gehaltsgrenze für qualifizierte Zuwanderer?

Schavan: Das diskutieren wir gerade, auch mit unseren Freunden von der CSU. Ich bin dafür. Solange wir Debatten führen, die suggerieren, es sei uns lieber, wenn keiner kommt, so lange hat auch keiner von denen, die wir dringend brauchen, Lust dazu. Unternehmen sollten aber offensiv vorgehen: Die Bereitschaft vor Ort, Genehmigungen zu erteilen, ist viel größer geworden.

Handelsblatt: Der Koalitionsvertrag verspricht den Steuerbonus für Forschung – kommt er?

Schavan: Ich bin überzeugt: Für die Zukunftsfähigkeit gerade kleiner und mittlerer Unternehmen ist das eine entscheidende Frage. Steuerliche Forschungsförderung ist ein wichtiger Anreiz, den wir noch in dieser Legislatur brauchen.

Das Gespräch führte Barbara Gillmann.

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