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Donnerstag, 8. Juli 2010

Hochschulen

Schavan: "Wir haben große Fortschritte in Sachen Bildungsgerechtigkeit gemacht"

von:
Annette Schavan
Quelle:
in der "Financial Times Deutschland"

Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat in einem Namensbeitrag in der Financial Times Deutschland unterstrichen, dass die Hochschulen in Deutschland sozial durchlässiger geworden seien. "Das Fundament dafür hat der Bund mit Unterstützung der Länder gelegt: mit einer besseren Ausstattung des Bafög. Mit inzwischen mehr als 73 000 über die KfW-Bank vergebenen Bildungsdarlehen", schreibt sie.

Namensbeitrag von Annette Schavan in der Financial Times Deutschland:

"Wer hat, dem wird gegeben", lautet der pauschale Vorwurf, den Kritiker gegen das von der Bundesregierung geplante nationale Stipendienprogramm richten. Sie zeichnen das Zerrbild von Studenten aus reichen Elternhäusern, die ohnehin schon allzu gut betucht sind und zusätzlich noch staatliche Mittel abkassieren. Mit der Realität in Deutschland hat das überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil: Unsere Universitäten sind sozial durchlässiger geworden. Nahmen 2005 noch 36 Prozent eines Jahrgangs das Studium auf, waren es im Jahr 2009 schon 43 Prozent.

Das Fundament dafür hat der Bund mit Unterstützung der Länder gelegt: mit einer besseren Ausstattung des Bafög. Mit inzwischen mehr als 73 000 über die KfW-Bank vergebenen Bildungsdarlehen. Auch mit dem Programm Aufstiegsstipendien haben wir große Fortschritte in Sachen Bildungsgerechtigkeit gemacht. In Zeiten eines scharfen demografischen Wandels ist es wichtig, das Bildungssystem durchlässig zu gestalten und möglichst viele Jugendliche an die Hochschulen zu bringen. Die geplante Erhöhung der Bedarfssätze und Freibeträge beim Bafög könnte den Kreis der Förderberechtigten um weitere 60 000 erweitern.

Zu einer Öffnung der Universitäten in der Breite gehört aber auch eine Förderung der Spitze. Als rohstoffarmes Land verdanken wir unseren Wohlstand einer großen Zahl von Fachkräften ebenso wie dem Erfindungsreichtum exzellenter Studentinnen und Studenten, die in ihrem Fachgebiet Herausragendes vollbringen. Das nationale Stipendienprogramm will diese Talente unterstützen und ermutigen. Das Stipendium beträgt 300 Euro im Monat und wird nicht auf das Bafög angerechnet. Der neue Ansatz liegt darin, dass private Fördermittel von Wirtschaft, Stiftungen oder Einzelpersonen den Grundstock der Finanzierung bilden. Bund und Länder stocken den Betrag nach dem vom Bundestag verabschiedeten Gesetz im Verhältnis 1:1 um staatliche Mittel auf. Für dieses Stipendienprogramm wird es höchste Zeit. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland, was den Anteil von geförderten Studenten angeht, weit zurück. Nur ein Prozent aller Studierenden wird von den Begabtenförderungswerken unterstützt, ein weiteres Prozent durch private Stipendien. Auch beim Anteil privater Mittel an der Finanzierung des Bildungssystems schneidet Deutschland schwach ab. Mit 15 Prozent liegt er weit unter dem Durchschnitt der OECD-Länder, der 27,4 Prozent beträgt. Die USA, Japan und Korea - wichtige Wettbewerber um die besten Köpfe - schöpfen mehr als zwei Drittel ihrer Bildungsbudgets aus privaten Quellen.

Die vor allem von SPD und Grünen genährte Theorie, Bildung sei allein staatliche Aufgabe, untergräbt folglich die finanziellen Entwicklungschancen des Bildungssystems. Sie suggeriert zudem, die Gesellschaft könne ihre Verantwortung für Bildung und Ausbildung allein an den Staat delegieren. Das führt zu einem fatalen Missverständnis. Denn was nichts kostet, ist in den Augen vieler Bürgerinnen und Bürger auch nichts wert.

Das nationale Stipendienprogramm gibt das Signal: Bildung bedarf des Engagements aller. Die Wirtschaft wird mit ihrer Klage über den drohenden Fachkräftemangel nur Widerhall finden, wenn sie selbst bereit ist, frühzeitig in Talente zu investieren. Die Hochschulen müssen es stärker als ihre Aufgabe ansehen, neue Finanzierungsquellen zu erschließen und sich dadurch für Studienanfänger attraktiver zu machen. Es müsste auch im Interesse der Bundesländer liegen, die finanzielle Basis des Bildungssystems zu verbreitern.

Ich scheue vor dem Wort nicht zurück, dass es mir mit dem nationalen Stipendienprogramm auch um die Förderung einer Leistungselite geht. Gemeint ist damit keine wohlhabende Oberschicht, sondern eine Verantwortungselite künftiger Entscheidungsträger, die sich für das Gemeinwohl verantwortlich fühlen. Leistung, die durch ein Stipendium belohnt wird, definiert sich nicht allein nach Noten. Gesellschaftliches Engagement, ein Migrationshintergrund oder die Herkunft aus schwierigen sozialen Verhältnissen sollen bei der Stipendienvergabe berücksichtigt werden.

In diesem Sinne ist eine neue Stipendienkultur eine Entscheidung im Sinne des Wirtschaftsstandorts Deutschland, zugleich aber auch Vorbote eines kulturellen Wandels. Indem es auf Subsidiarität, Eigenverantwortung und Leistung setzt, ist das Programm ein im wahrsten Sinne des Wortes bürgerliches Projekt. Die christlich-liberale Koalition hat dabei im Sinne der Aufklärung den Bürger im Sinne des französischen „Citoyens" im Auge, der sich aktiv an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligt. Das Stipendienprogramm geht von Bürgerinnen und Bürgern aus, die sich für Bildung verantwortlich fühlen und am Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen mitwirken- zum Beispiel über Ehemaligenvereine.

Wir brauchen eine starke Stipendienkultur in Deutschland. Sie wird das Verhältnis der Hochschulen zu ihren Studierenden verbessern und auf Dauer starke Bande knüpfen. In anderen Ländern, besonders in den USA, sind Ehemaligenvereine völlig selbstverständlich. Warum noch nicht bei uns? Wer ein Stipendium bekommen hat und später gut verdient, will zurückgeben, was er von seiner

Uni und unserer Gesellschaft an Unterstützung und Anerkennung bekommen hat. So entsteht gelebte Solidarität zwischen Generationen von Studentinnen und Studenten, zwischen dem Staat und der Zivilgesellschaft. Deshalb halte ich an der Idee eines nationalen Stipendienprogramms fest.  

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