Navigation und Service

Inhalt

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Interview

Vor der Rente Altersarmut vorbeugen

Interview mit:
Herbert Rische
Quelle:
Bundespresseamt

Die Rente sei so zu gestalten, dass sie für kommende Generationen eine sichere Grundlage für die Altersvorsorge sei. Das sagt der Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund, Herbert Rische. Schon vor der Rente sei Altersarmut vorzubeugen, etwa durch Vereinbarungen bei der Lohnfindung.

Senioren beim Einkauf Sind Arbeitnehmer länger im Erwerbsleben ist Altersarmut vermeidbar Foto: Burkhard Peter

Bundespresseamt (BPA): Die Rentenversicherung hat sich seit 2010 gut entwickelt. Das BIP wächst, die Arbeitslosenquote geht zurück. Ist das ein positives Zeichen für die Rentenanpassung 2013?

Herbert Rische: Zunächst einmal ist es insgesamt ein positives Zeichen für die sozialen Sicherungssysteme. Für die Rentenanpassung warten wir die Daten im Frühjahr ab. Es ist heute zu früh, hier genaue Festlegungen zu treffen. Im Moment sieht es so aus, dass wir 2013 im Westen eine Rentenanpassung von rund einem Prozent haben werden, im Osten wahrscheinlich eine um die drei Prozent. Bei diesen Werten handelt es sich allerdings um gerundete Ergebnisse von Modellrechnungen. Ursache für die unterschiedliche Entwicklung in Ost und West ist, dass die maßgebliche Lohnentwicklung in den neuen Bundesländern voraussichtlich besser sein wird als die in den alten Bundesländern. Zudem sind in den neuen Ländern dämpfende Einflüsse schon nachgeholt, die in den alten Bundesländern im nächsten Jahr noch wirken.

Dr. Herbert Rische - Präsident der Deutschen Rentenversicherung Bund Bild vergrößern Herbert Rische Foto: DRV Bund/Ferbitz

BPA: Gilt denn in Zeiten der Eurokrise, aber auch mit Blick auf teilweise unterbrochene Erwerbsbiografien nach der Deutschen Einheit, die Aussage von Norbert Blüm noch "Die Rente ist sicher"?

Rische: Die Rente ist immer so zu gestalten, dass sie auch für die kommenden Generationen eine sichere Grundlage für die Altersvorsorge ist. Das ist die Aussage von Herrn Blüm. Wenn es uns gelingt, die Rentenversicherung immer rechtzeitig an die sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen, dann können wir auch sagen: "Die Rente ist sicher". Allerdings kann die Rentenversicherung nicht die Probleme lösen, die in anderen Bereichen bestehen, zum Beispiel im Niedriglohnsektor. Wichtig ist mir dabei: Die Sozialpartner sollten sich bei der Lohnfindung immer Gedanken machen, welche Auswirkungen ihre Vereinbarungen auf die Altersvorsorge haben. Erwerbsarmut zieht immer auch Altersarmut nach sich. Auch müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen während der Arbeit sozialversichert sind. Das gilt zum Beispiel für die Selbständigen, die nicht in einem obligatorischen Sicherheitssystem abgesichert sind. Für diese Selbständigen muss man meiner Meinung nach eine Vorsorgepflicht einführen. Die Bundesregierung ist ja dabei, entsprechende Vorschläge zu erarbeiten. Allgemein kann man sagen: Altersarmut gibt es im Wesentlichen in den Bereichen, in denen die Menschen gar nicht sozialversichert sind.

BPA: Wie hoch ist derzeit die Rendite für Beitragszahler, beispielsweise bei einer durchschnittlichen Eckrente?

Rische: Die Rendite in der Rentenversicherung liegt auch für die künftigen Rentner um die drei Prozent. Für die Rentner, die heute in Rente gehen, ist sie etwas höher. Die Zahlen werden bestätigt von der Stiftung Warentest und vom Sachverständigenrat. Wir brauchen uns also mit unserer Rendite nicht zu verstecken.

BPA: Welche Trends sehen Sie bei der Alterssicherung in Zukunft?

Rische: Die Altersvorsorge in Deutschland ruht auf drei Säulen: der gesetzlichen Rente, der betrieblichen Absicherung und der privaten Vorsorge. Insofern hängt die Absicherung im Alter nicht nur davon ab, wie sich die Rentenversicherung weiterentwickelt, sondern auch davon, wie die Entwicklung bei den anderen Säulen aussieht. Und bei der betrieblichen Altersvorsorge scheint sich aus meiner Sicht ein Trend abzuzeichnen. Wenn die demographische Entwicklung sich auf den Arbeitsmarkt auswirkt, dann wird wieder ein verstärkter Kampf um Fachkräfte beginnen. Um die Arbeitskräfte in den Betrieben zu halten, wird man zum Beispiel die betriebliche Altersversicherung wieder stärker nutzen als früher.

BPA: Wenn bald ein Konzept gegen Altersarmut beschlossen würde - wie lange bräuchte die deutsche Rentenversicherung um das umzusetzen?

Rische: Es kommt ganz darauf an, wie das Konzept aussieht. Eine Umsetzung wäre schwierig, wenn wir bei einer Mindestsicherung etwa die Bedürftigkeit und damit eventuell auch Partnereinkommen prüfen müssten. Das wäre Neuland für uns. Eine Umsetzung würde erhebliche Vorarbeiten erforderlich machen. Ein halbes Jahr muss man mindestens rechnen. Wahrscheinlich sogar länger. Wenn die Politik Anfang nächsten Jahres einen Beschluss fasst, dann sollte ein entsprechendes Gesetz aus meiner Sicht nicht vor Anfang 2014 in Kraft treten. Ich denke, man darf hier als Rentenversicherung nichts versprechen, was man später nicht halten kann.

BPA: Wie wären aus Ihrer Sicht heraus die Ost-West-Renten zu harmonisieren?

Rische: Es gibt einen Vorschlag des Sachverständigenrates, wie man, ohne zusätzliche Mittel, eine Angleichung herbeiführen kann. Man muss dabei natürlich bedenken, dass dann die Höherwertung der Entgelte in den neuen Bundesländern in Zukunft entfallen wird. Das ist ein Weg, der zur Zeit diskutiert wird. Es bleibt abzuwarten, welche Entscheidungen in der Politik getroffen werden.

BPA: Wird denn inzwischen unterm Strich tatsächlich länger gearbeitet? Gehen Arbeitnehmer später in Rente?

Rische: Die Zahl derjenigen, die zwischen dem 60. und dem 64. Lebensjahr arbeiten, ist in den letzten Jahre deutlich gewachsen. Seit dem Jahr 2000 hat sich der Anteil der rentenversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Alter mehr als verdoppelt. Die Menschen bleiben länger im Betrieb. Bei körperlich sehr anstrengenden Berufen, nehmen wir zum Beispiel den Dachdecker, haben die Tarifpartner Vereinbarungen getroffen, um den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand zu erleichtern. Ich wünsche mir auch in anderen Bereichen Regelungen, die dann greifen. Insgesamt muss es ein Umdenken bei Unternehmen und auch Gewerkschaften geben: Die Arbeitsbedingungen für die älteren Arbeitnehmer müssen so gestaltet sein, dass sie tatsächlich länger im Erwerbsleben bleiben können.

Das Interview führte Astrid Kny für das Bundespresseamt.

Seitenübersicht

Beiträge