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Donnerstag, 30. Dezember 2010

Wir brauchen eine breite Bewegung für Bildung

Interview mit:
Annette Schavan
Quelle:
in "DIE ZEIT"

Es brauche eine positive Stimmung für Bildung, die von der ganzen Zivilgesellschaft getragen werde, betont Bundesbildungsministerin Annette Schavan. "Zu einer Allianz für Bildung, wie ich sie mir vorstelle, gehören natürlich die Familien, aber auch viele andere Akteure: Sportvereine, Bibliotheken, Musikschulen, Stiftungen - und die zahlreichen Ehrenamtlichen."

Eine ältere Frau und eine jüngere Frau lesen zwei kleinen Kindern etwas vor Bildungsrepublik Deutschland braucht viele Unterstützer Foto: Ulf Dieter

DIE ZEIT: Gerade ist die neueste PISA-Studie erschienen: Wie lautet Ihr Fazit?

Annette Schavan: Zehn Jahre PISA-Studie haben dem deutschen Bildungssystem gutgetan. In Mathematik und den Naturwissenschaften liegen deutsche Schüler heute deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Das zeigt: Die Schulen haben Beachtliches geleistet, um eine neue Qualitätsstufe zu erreichen. Das ist vor allem vielen engagierten Lehrerinnen und Lehrern zu verdanken. Dieser Berufsstand hat ein großes Lob verdient und viel Wertschätzung - dann werden wir künftig wieder die Besten eines Jahrgangs für einen der ältesten und schönsten Berufe der Menschheit gewinnen.

DIE ZEIT: Beim Lesen liegen deutsche Schüler im Mittelfeld. Was tun, damit das besser wird?

Schavan: Eine Lehre aus PISA ist: Mathematik und Naturwissenschaften lernen Kinder vor allem in der Schule, deshalb werden dort Verbesserungen schneller spürbar. Beim Lesen muss die Unterstützung des Elternhauses hinzukommen. Deshalb wollen wir in unserem Projekt »Lesestart« gemeinsam mit der Stiftung Lesen vor allem Eltern in sozialen Brennpunkten ansprechen. Das erste Buchpaket geben wir im Wartezimmer des Kinderarztes aus, das zweite wird in der öffentlichen Bibliothek verteilt, das dritte in der Grundschule. Unser Ziel ist ein Klima, in dem Deutschland wieder Leseland wird.

DIE ZEIT: Noch liegen Länder wie Südkorea oder Singapur ganz vom. Kann Deutschland es schaffen, in die absolute Spitzengruppe aufzurücken?

Schavan: Was uns asiatische Gesellschaften noch voraushaben, ist ihr Bildungshunger. Deshalb braucht es in der nächsten Phase eine positive Stimmung für Bildung, die über die Schule hinaus von der ganzen Zivilgesellschaft getragen wird. Zu einer Allianz für Bildung, wie ich sie mir vorstelle, gehören natürlich die Familien, aber auch viele andere Akteure: Sportvereine, Bibliotheken, Musikschulen, Stiftungen - und die zahlreichen Ehrenamtlichen. Bildung ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Wenn die gesamte Gesellschaft mitzieht, können wir uns noch weiter verbessern. Das meine ich, wenn ich von der »Bildungsrepublik Deutschland« spreche.

DIE ZEIT: Soll damit die Zivilgesellschaft die Probleme lösen, die der Staat nicht bewältigt?

Schavan: Nein, es geht nur darum, dass nicht die Verantwortung für Bildung allein auf den Staat und die Schulen abgeschoben wird. Natürlich engagiert sich die öffentliche Hand und hat ja in diesem Jahr mit mehr als 100 Milliarden Euro so viel Geld für Bildung investiert wie niemals zuvor. Trotz sinkender Schülerzahlen werden Bund und Länder weiter konsequent in Bildung investieren - auch das wird spürbare Verbesserungen bringen, etwa die Verkleinerung von Klassen. Als wichtige Aufgabe der Politik sehe ich es, an den Übergängen von der Schule in den Beruf stärker zu fördern. Das tun wir mit unserem Projekt »Bildungsketten«. Bildungslotsen helfen dabei Schülern, ihren Abschluss zu machen und anschließend einen Ausbildungsplatz zu finden. Kein Kind und kein Jugendlicher darf zurückgelassen werden.

DIE ZEIT: Was bedeutet das für Kinder aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund?

Schavan: Auch hier hat sich in den letzten Jahren eine Menge bewegt, ich denke an die inzwischen große Akzeptanz der frühkindlichen Bildung und die vorschulische Sprachförderung. Die Zahl der Schulabbrecher und Sitzenbleiber ist gesunken. Und: Nach der PISA-Studie hat kaum eine Gruppe in den letzten Jahren so aufgeholt wie die Kinder von Migranten. Natürlich sind wir noch nicht am Ziel. Ein Teil unserer Antwort ist das geplante Bildungspaket für Kinder, deren Eltern Hartz IV beziehen. Unsere Programme wie »Lesestart« oder die »Bildungsketten« knüpfen genau bei den Kindern und Jugendlichen an, die sich schwertun. Wichtig ist konkrete Hilfe, die den Aufstieg durch Bildung möglich macht. So tragen wir zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem jeder und jede Einzelne sagt: Ich kann es schaffen!

Interview aus DIE ZEIT.

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