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Rede der Kanzlerin zum Auftakt des Internationalen Jahres der Biodiversität 2010

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Montag, 11. Januar 2010

in Berlin

Sehr geehrter Herr Minister, lieber Norbert Röttgen,

sehr geehrte Exzellenzen und Gäste der heutigen Veranstaltung,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

sehr geehrter Herr Professor Leinfelder,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

auch ich begrüße Sie recht herzlich zum Auftakt des Internationalen Jahres der biologischen Vielfalt hier am passenden Platz und in passender Umgebung, nämlich im Museum für Naturkunde in Berlin. Ich freue mich, dass Sie der Einladung von Bundesumweltminister Norbert Röttgen und mir gefolgt sind.

 

Mir persönlich – aus einer langen politischen Geschichte heraus und auch als Bundeskanzlerin – und der ganzen Bundesregierung – das zeigt die heutige Vertretung der verschiedensten Ressorts – ist der Erhalt der biologischen Vielfalt ein ganz besonderes Anliegen. Ich habe gerade mit Herrn Steiner getuschelt. Wir waren uns sofort einig: Die Frage der Erhaltung der biologischen Vielfalt hat dieselbe Dimension und Bedeutung wie die Frage des Klimaschutzes. Sie ist in ihrer Komplexität oft schwieriger darzustellen. Die Ziele sind nicht ganz so einfach wie etwa auf eine Zwei-Grad-Begrenzung des Temperaturanstiegs zu reduzieren. Aber nichtsdestoweniger handelt es sich um ein elementares Problem und um einen elementaren Bestandteil des gesamten Rio-Prozesses, über den wir nach 20 Jahren im Jahr 2012 Bilanz ziehen werden.

 

Deshalb möchte ich, dass von dieser Veranstaltung zu Beginn dieses Jahres ein starkes Signal der Verantwortung an die Weltöffentlichkeit ausgeht. Wir müssen mit vereinten Kräften die Weichen für einen wirksamen internationalen Schutz der Biodiversität und ihre nachhaltige Nutzung neu stellen. Wir brauchen eine Trendwende. Wenn ich sage „nicht jetzt“, wäre das falsch. Wir brauchen sie jetzt – unmittelbar und nicht irgendwann. Aber ich sage auch: Wir müssen realistisch sein; es ist schwierig.

 

Eigentlich war es so, dass das Jahr 2010 dafür stehen sollte, dass wir bis dahin eine deutliche Reduktion des Biodiversitätsverlustes erzielen. Dieses Ziel werden wir nicht erreichen. Ich glaube, wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern wir müssen es ganz klar so benennen, wie es ist. Deshalb muss dieses Jahr der Biodiversität, dieses Jahr der Artenvielfalt genutzt werden, um neuen Schwung zu holen und zur Kenntnis zu nehmen, dass die Verluste an Lebensräumen und Arten dramatisch sind und dass vor allen Dingen die Geschwindigkeit, in der dieser Prozess abläuft, beängstigend ist.

 

Schätzungen zufolge ist die von der Menschheit verursachte weltweite Verlustrate einhundert- bis tausendmal höher als der natürliche Artenschwund. Es gibt immer wieder die sehr vereinfachende Diskussion, dass sich die Artenvielfalt schon immer verändert hat. Wir hören Ähnliches auch beim Klimaschutz. Die eigentlichen Fragen heißen jedes Mal: Was ist vom Menschen verursacht? Mit welcher Geschwindigkeit vollziehen sich die Veränderungen durch unser Eingreifen in die natürlichen Zusammenhänge? Dazu muss man sagen: einhundert- bis tausendmal beschleunigter Artenverlust und Artenschwund.

 

Dieser Verlust, dieser Artenschwund hat folgenschwere Auswirkungen für uns alle, denn die biologische Vielfalt ist so etwas wie eine Datenbank der Natur. Sie ist unersetzliche Rohstoffbasis dafür, die Grundbedürfnisse unserer rasch wachsenden Weltbevölkerung zu decken. Sie ist ein Schutzschild für die Erhaltung der menschlichen Gesundheit. Denn je mehr Artenvielfalt wir um uns haben, umso robuster ist auch unser Überlebenssystem. Wenn wir daran denken, dass es gleichzeitig eine Artenreduktion gibt und wir eine immer noch wachsende Weltbevölkerung haben, dann sind es im Grunde zwei Entwicklungen, die gegeneinander stehen und die negativen Wirkungen verstärken.

 

Wir sollten daran denken, dass Artenvielfalt natürliche Lebensgrundlage ist. Milliarden von Menschen leben von Nahrungsmitteln aus den Ozeanen. Wenn man sich allein die Entwicklung der Artenvielfalt der Weltmeere anschaut, ist das ein höchstes Alarmsignal. Wenn wir uns vor Augen führen, wie viele Menschen von Armut betroffen sind, dass die allermeisten von ihnen in ländlichen Gebieten leben, dass sie von traditioneller Landbewirtschaftung und von dem abhängig sind, was in der Natur geerntet werden kann, dann wissen wir, dass die Erhaltung der Artenvielfalt in Form stabiler Agrarökosysteme für diese Menschen von allergrößter Überlebensnotwendigkeit ist. Das muss man immer wieder im Auge haben.

 

Wir wissen, dass auch unsere Landwirtschaft in Europa nicht ohne die charakteristischen Bodenorganismen und die Vielfalt der Arten denkbar ist, die wir mit unseren mageren biologische Kenntnissen – ich möchte keinen beleidigen, aber ich gehe einmal von mir aus – in ihrer Komplexität gar nicht kennen. Es ist immer wieder erschütternd, wie wenige Arten wir überhaupt mit Namen benennen können und wie reich aber die Artenvielfalt insgesamt ist.

 

Umgekehrt sichern bestimmte landwirtschaftliche Nutzungssysteme die Lebensräume von Pflanzen und Tieren. Wir wissen, dass in Deutschland – das ist ein langer Streit im Naturschutz – bestimmte Arten, so zum Beispiel Heidelandschaften, nur erhalten bleiben, weil sie beweidet werden. In meinem Wahlkreis, der ein klassischer Kranichzug-Bereich ist, ist gerade ein großer Streit ausgebrochen, ob die Futtermöglichkeiten der Kraniche in den offenen Landschaften erhalten bleiben sollen oder ob man bestimmte Landschaften zurückgibt, die durch Baumbewuchs nicht mehr als Futter- und Rastmöglichkeiten für Kraniche auf dem Zug zur Verfügung stehen. In Kulturlandschaften gibt es immer wieder viel Streit über solche Fragen.

 

Insgesamt sind wir alle von funktionsfähigen Ökosystemen abhängig. Die Grundlage für diese Funktionsfähigkeit ist die Vielfalt. Denn nur sie garantiert, dass Entwicklungs- und Anpassungsoptionen für die Ökosysteme überhaupt aufrechterhalten werden. Diese Möglichkeiten der Anpassung sind dringend notwendig, so insbesondere, wenn wir den Rückschluss zum Klimawandel ziehen, der wiederum erheblichen Druck auf die Anpassungsfähigkeiten und Anpassungsmöglichkeiten der Organismen ausübt.

 

Wir wissen heute immer noch relativ wenig über komplexe Ökosysteme und das Zusammenspiel der Arten. Wir wissen wenig darüber, wie Arten auf bestimmte, sich verändernde Situationen reagieren, so zum Beispiel mit Blick auf den Klimawandel. Wir können nicht genau absehen, was es für das Gesamtsystem bedeutet, wenn Arten für immer verschwinden. Aber klar ist, dass wir keinerlei Hoffnung haben, dass damit etwas Gutes verbunden ist.

 

Man kann das an einigen Beispielen sehr deutlich machen. Ich möchte eines nennen. Wahrscheinlich kennt hier nicht jeder den australischen Magenbrüterfrosch. Ich habe auch erst im Zusammenhang mit der heutigen Veranstaltung von ihm gehört – leider zu spät. Der Name sagt schon, dass der Magenbrüterfrosch seinen Nachwuchs im Magen ausbrütet. Die Kaulquappen sondern im Magen der Mutter ein Sekret ab, das die Zersetzung durch Magensäuren und Enzyme verhindert. Die Forscher waren sehr zuversichtlich, dass sie daraus für die Medizin ein sehr gutes Medikament gegen Magengeschwüre entwickeln könnten. Die ersten Untersuchungen waren viel versprechend. Aber: Die Studien konnten nicht zu Ende geführt werden, weil die beiden einzigen Magenbrüterarten vorher ausstarben. Das zeigt, wie wir uns selbst Möglichkeiten berauben, wenn wir auf bestimmte natürliche Ressourcen nicht mehr zurückgreifen können.

 

Ich will zwei weitere Beispiele nennen, die vielleicht etwas hoffnungsvoller sind. So haben das Anpflanzen und der Schutz von fast 12.000 Hektar Mangroven-Wäldern in Küstenregionen in Vietnam gut eine Million US-Dollar gekostet. Aber damit wurden zum Beispiel Kosten für Küstenschutzmaßnahmen in Höhe von über sieben Millionen US-Dollar eingespart. Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie wir durch eine gut gestaltete natürliche Umwelt auch sparen können. Es ist auch zu berücksichtigen, dass Mangroven die Kinderstube für viele Fischarten und damit die Grundlage für eine küstennahe Fischerei bilden. Das heißt also, es ist eine klassische Gewinnsituation, wenn man hier etwas tut.

 

Von Norbert Röttgen sind schon die Verluste durch die Zerstörung der Korallenriffe erwähnt worden. Bei gleichbleibendem CO2-Ausstoß werden die Riffe wahrscheinlich innerhalb der nächsten Jahrzehnte ihre gesamte Funktionsfähigkeit verlieren – mit schlimmen Folgen für den Küstenschutz und die Fischzucht. Eine halbe Milliarde Menschen verlöre mit den Riffen ihre bisherige Existenzgrundlage unwiederbringlich.

 

Sie alle kennen vielleicht vergleichbare Beispiele. Wir wollen diese Beispiele zusammentragen und Kosten und Nutzen genauer betrachten. Deshalb hat die Bundesregierung im Jahr 2007 zusammen mit der EU-Kommission und UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, eine Studie in Auftrag gegeben. Es geht hierbei um die Frage: Was bedeutet das Bereitstellen von Nahrung, Trinkwasser, Brennstoffen und Arzneimitteln durch funktionierende Ökosysteme in wirtschaftlicher Hinsicht?

 

– Wir wissen, dass gerade die Frage des Klimawandels durch den Stern-Report sehr klar an Bedeutung gewonnen hat, da er einmal aufgezeigt hat, welchen Verlust in uns bekannten volkswirtschaftlichen Größen es bedeutet, wenn man nichts tut. Welche materiellen Mittel muss man aufwenden, um überhaupt einigermaßen die Schäden zu kompensieren? Ich glaube, wenn wir beginnen, so nachzudenken, haben wir wirklich eine Chance. –

 

Die Studie hat viel Unterstützung durch die britische Regierung und andere Länder erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar; ich will das ausdrücklich sagen. Die Ergebnisse sollen auf der nächsten Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention im Herbst in Japan präsentiert werden. Bereits die bisherigen Erkenntnisse lassen erkennen, welche enormen Kosten auf uns zukommen, wenn wir nicht bereit sind, jetzt zu handeln und gegenzusteuern.

 

Deshalb möchte ich in dieser Festrede nicht nur die dramatische Situation schildern, sondern auch sagen, was wir konkret für den Erhalt der Artenvielfalt tun können.

 

Erstens: Wir müssen in den Schutz und die Erhaltung von Ökosystemen finanziell investieren, weil es Investitionen sind, die sich bezahlt machen. Ich glaube, dass Deutschland während seiner Präsidentschaft in der Tat wichtige Zeichen setzen konnte. Im Mai 2008 hatte ich auf der schon erwähnten Vertragsstaatenkonferenz in Bonn zugesagt, in den Jahren 2009 bis 2012 zusätzlich 500 Millionen Euro für den Schutz von Wäldern und anderen Ökosystemen bereitzustellen – und ab 2013 dauerhaft eine halbe Milliarde Euro jährlich. Ich denke, das war eine wichtige, aber auch notwendige Zusage.

 

Dabei haben wir in einem ersten Schritt im Rahmen der bilateralen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit die Mittel von 200 Millionen Euro im Jahr 2008 auf über 240 Millionen Euro aufgestockt.

 

Es ist wichtig, an diesem Beispiel noch einmal folgenden Zusammenhang deutlich zu machen: Der Schutz von Lebensräumen und Arten ist immer auch ein Teil von Entwicklungspolitik. Denn rund 80 Prozent des weltweiten Vorkommens der genetischen und biologischen Ressourcen finden sich in den so genannten Entwicklungsländern. Auch das müssen wir sehen. Der Artenreichtum ist dort sehr, sehr groß.

 

Wenn wir zum Beispiel auf Afrika blicken, wissen wir, dass durch den Klimawandel bis zu 40 Prozent der Arten verschwinden können, da sie sich an die zunehmende Trockenheit nicht anpassen können. Wenn man zum Beispiel Südafrika besucht, kann man das heute schon erkennen. Das sind nicht Dinge, die irgendwann einmal auf uns zukommen, sondern das wird einem an bestimmten Beispielen leider schon heute deutlich gemacht.

 

Hinzu kommt, dass Armut die Menschen zwingt, die knappen natürlichen Ressourcen zu übernutzen. Übernutzung führt natürlich zu weiterer Zerstörung. Das heißt, wir tun gut daran, in die Zukunft zu investieren und Entwicklungszusammenarbeit und Schutz der Artenvielfalt in einem Zusammenhang zu sehen. Die Zerstörung von Biodiversität hat also soziale, kulturelle und wirtschaftliche Folgen. Deshalb können wir die Millenniumsentwicklungsziele, die die klassischen Ziele im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit sind, nur erreichen, wenn die Ökosysteme dauerhaft stabilisiert werden können.

 

Interessant ist auch: Im Grunde ist die Erhaltung der Artenvielfalt auch Teil der Klimaschutzpolitik. Das können wir zum Beispiel bei den Waldökosystemen sehr gut beobachten, die Kohlendioxid binden und so das Klima regulieren. Das war auch Thema auf der Konferenz in Kopenhagen, die uns nicht gerade optimistisch gestimmt hat. Aber wir machen weiter. Darin sind wir uns alle einig; ich habe gerade auch mit Norbert Röttgen und Herrn Steiner darüber gesprochen. Es gibt keine Alternative zu diesem Verhandlungsprozess. Gerade das Thema Wald hat hierbei eine erhebliche Rolle gespielt, wenngleich ich an dieser Stelle sagen möchte: Der Wald darf nicht als Alibi dienen, um Klimaschutz vorzutäuschen. Wir waren bei den CO2-Minderungszielen zum Schluss schon beim Abfallmanagement und ähnlichem, um noch etwas zusammenzukratzen. Das ist nicht die erforderliche qualitative Herangehensweise beim Klimaschutz.

 

Ob Nahrungssicherung, Entwicklungszusammenarbeit oder Klimaschutz – wir sehen, wie die Dinge miteinander verwoben sind. Deswegen arbeiten in Deutschland die verschiedenen Ministerien Hand in Hand. Ich bin sehr dankbar dafür, dass dadurch manche Wälder und andere Ökosysteme nachhaltig genutzt werden, dass sie als Kohlenstoffspeicher erhalten bleiben und dass wir Entwicklungszusammenarbeit sinnvoll konstruieren. Bei der Auswahl der entsprechenden Projekte spielt die LifeWeb-Initiative eine wichtige Rolle, die auf den Schutz gefährdeter Lebensräume ausgerichtet ist.

 

Damit bin ich nach der finanziellen Förderung bei der zweiten großen Herausforderung für die internationale Naturschutzpolitik: Wir brauchen ein weltweites Netz an Schutzgebieten, und zwar zu Lande und zu Wasser.

 

Nun wissen wir – auch darüber ist gesprochen; wir haben damit in der Bundesrepublik Deutschland viel Erfahrung, aber manches muss man immer noch erklären –, dass global vernetzte Schutzsysteme natürlich dringend erforderlich sind. Wir wissen, dass es wenig hilft, wenn man in einem Teil der Welt etwas tut und in anderen Teilen der Welt nicht. Deshalb ist die Unterstützung der Partner beim Aufbau effektiver Managementstrukturen und bei der Finanzierung ein ganz wichtiger Beitrag.

 

Wichtig ist zudem – das wissen wir auch von uns zu Hause –, dass die lokale Bevölkerung an den Schutzaufgaben beteiligt wird. Alles andere führt nicht zu einem nachhaltigen Erfolg. Damit befinden wir uns im Grunde wieder in einem Kreislauf. Wenn wir hehre Reden über den Schutz von Fischbeständen halten, aber eine hungernde und arme Bevölkerung vor uns haben, wird das nicht sehr tragfähig sein.

 

Vor allen Dingen brauchen wir einen fairen Interessenausgleich zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Hier muss sich Europa an die eigene Nase fassen. Wenn man einmal auf einem EU-Afrika-Gipfel mit den afrikanischen Küstenstaaten über die Frage spricht, wer die größere Gefahr für die Fischbestände darstellt, dann sind es weniger die, die um das tägliche Überleben kämpfen, als vielmehr Fischereiflotten, die neben der Überfischung noch nicht einmal faire Preise für das Gefischte zahlen. Das ist ein Thema, das wir uns in Europa selbstkritisch anschauen sollten, auch wenn ich weiß, dass das sehr, sehr schwierig ist.

 

Das dritte Handlungsfeld, das ich hervorheben möchte, ist, dass die Herkunftsländer der genetischen Ressourcen an den Vorteilen beteiligt werden müssen. Das ist auch ein sehr komplexes Thema.

 

Wirksame internationale Abmachungen für das so genannte ABS – Access- and Benefit-Sharing – müssen sicherstellen, dass der Ressourcenreichtum in erster Linie den Ländern zukommt, aus denen er stammt. Das ist auch etwas, bei dem es ein kulturelles Manko gibt. Man glaubt, auf die Natur hat jeder irgendwie ein Zugriffsrecht und er kann tun und lassen, was er will, und muss dafür nichts zahlen. Es muss aber für uns als entwickelte Länder zur Selbstverständlichkeit werden, einem Land sein genetisches Eigentum nicht ohne Gegenleistung einfach wegzunehmen.

 

Wir haben vor zwei Jahren in Bonn ehrgeizige Zielvorstellungen für solche internationalen Abmachungen entwickelt. Damit haben wir die Chance, aber auch die Verpflichtung, bis zur 10. Vertragsstaatenkonferenz im Herbst in Nagoya in Japan die Verhandlungen erfolgreich abzuschließen. Sie dürfen davon ausgehen, dass Deutschland das unterstützt, dass wir das gemeinsam vorantreiben wollen.

 

Wir haben uns während unserer Präsidentschaft sehr dafür eingesetzt, dass wir vorankommen. Wir bieten auch an, den Aufbau der nötigen Expertise in den Verwaltungen weiterhin zu unterstützen, wie wir das gerade auch in afrikanischen Partnerländern getan haben. Das ist wieder ein interessanter Aspekt von Entwicklungspolitik.

 

Letztlich kommt ein vierter zentraler Punkt hinzu: Es kommt entscheidend darauf an, die Bedeutung biologischer Vielfalt noch besser als bisher zu erklären und zu kommunizieren.

 

Ich denke, das Internationale Jahr der Biodiversität bietet eine sehr, sehr gute Grundlage dafür, dass wir Verbraucherinnen und Verbrauchern ebenso wie den Entscheidungsträgern in der Wirtschaft mehr Sensibilität im Hinblick auf dieses Thema nahe bringen können. Wir brauchen genügend Rückhalt in der Gesellschaft bei diesem Thema. Wir brauchen ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass individuelles Verhalten direkt auf den Zustand der Ökosysteme und auf die Artenvielfalt Einfluss nimmt, dass also jeder seinen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass wir hier vorankommen.

 

Der Ressourcenverbrauch – auch ein klassisches Thema im Bereich Nachhaltigkeit – muss sich an der Kapazität der Ökosysteme orientieren. Vergessen wir nicht: Die deutsche Forstwirtschaft war es, die die nachhaltige Forstwirtschaft geprägt hat und damit den Begriff der Nachhaltigkeit, also die „sustainability“, sozusagen in Umlauf gebracht hat. Das, was für die Forstwirtschaft schon weit vor über 100 Jahren selbstverständlich war, muss für alle Ökosysteme wirklich gelten.

 

Ich glaube, dass die Studie zu Kosten und Nutzen beim Erhalt von Ökosystemen, von der ich sprach, sehr hilfreich sein kann. Ich glaube auch, dass es nicht bei einer Studie bleiben darf, sondern dass es sinnvoll wäre, eine wirkliche Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik im Bereich der Biodiversität so zu etablieren, wie wir das vom IPCC als dem zuständigen wissenschaftlichen Gremium im Bereich des Klimaschutzes kennen. Ohne das Gremium IPCC, ohne die geballte wissenschaftliche Meinung – auch wenn es so ist, dass es Facetten in der Beurteilung gibt –, wäre der Klimaschutz als ein drängendes Problem nicht so nach vorne gekommen. Vielleicht ist dies auch eine Möglichkeit, um der Biodiversität mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

Ich glaube, dass die Welt die Herausforderungen bewältigen kann. Ich bin dafür, dass wir eine UN-Organisation schaffen, die sich insgesamt auf dem Niveau der klassischen UN-Organisationen mit Umweltpolitik auseinander setzt. Dazu gehören Klimaschutz und Biodiversität. Vielleicht ist das ein Projekt, das wir in Richtung des Jahres 2012 anlässlich 20 Jahre Rio-Prozess umsetzen können, ohne dass die einzelnen Sekretariate, so zum Beispiel das Klimasekretariat, Angst haben müssen, dass sie sozusagen „gekillt“ werden. Wir müssen der ganzen Sache mehr Schlagkraft verleihen.

 

Sie haben an meinen Ausführungen gemerkt: Die Dinge hängen unglaublich eng zusammen. Ohne eine faire und gerechte Nutzungspolitik, ohne Armutsbekämpfung, ohne Klimaschutz und ohne Erhalt der Artenvielfalt werden wir in der Welt auf eine sehr, sehr schwierige Entwicklung zusteuern.

 

Ganz zum Schluss, meine Damen und Herren, möchte ich Folgendes sagen: Es gibt sehr sachliche Gründe und wir wissen, was wir tun können, aber die emotionale Komponente einer artenreichen Welt, die uns immer wieder staunen lässt, die uns Ehrfurcht vor der Natur lehrt, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Es ist etwas Faszinierendes, was alles das Leben auf der Erde darstellt. Ohne Ehrfurcht gegenüber der Natur aber werden die Menschen vielleicht auch nicht ehrfürchtig miteinander umgehen.

 

Lassen Sie uns in diesem Sinne dieses Jahr 2010 zu einem Jahr machen, in dem wir nicht nur für die Vielfalt unserer Schöpfung werben, sondern auch dafür eintreten. Tragen Sie das weiter in die Welt hinaus. Es gibt genügend zu tun. Aber wir können das schaffen.

 

Herzlichen Dank.

Montag, 11. Januar 2010

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