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Rede von Bundeskanzlerin  Angela Merkel anlässlich der Eröffnung des Freiheitsmuseums "Villa Schöningen"

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Sonntag, 8. November 2009

in Potsdam

Sehr geehrter Herr Döpfner,

sehr geehrter Herr Fischer,

sehr geehrter Herr Außenminister, lieber Radosław Sikorski,

sehr geehrter Herr Professor Kissinger,

lieber Michail Gorbatschow,

meine Damen und Herren,

 

ich freue mich, heute Abend mit so vielen hier im Museum Villa Schöningen bei Potsdam zu sein. Es gibt in diesen Tagen viele staatliche und parlamentarische Ereignisse. Aber dieses ist ein ganz herausragendes Ereignis der Zivilgesellschaft, wenn man das so sagen darf. Privates Engagement hat dazu geführt, dass wir uns dennoch auf einem Fest befinden, das fast wie ein Staatsereignis gefeiert wird. Die Anwesenheit der vielen aus Politik und Kunst aus Ost und West zeigt, was hier vonstatten geht.

 

Sowohl das Datum 9. November als auch der Ort führen uns in die deutsche Geschichte mit ihren Licht- und Schattenseiten zurück. Wir können uns in der Bundesrepublik Deutschland in diesem Jahr vor Jubiläen gar nicht retten. 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland, 60 Jahre Grundgesetz – das haben wir im Mai gefeiert. Im September jährte sich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Ich durfte bei der Gedenkfeier in Danzig mit dabei sein. Morgen werden wir den 20. Jahrestag des Mauerfalls feiern. Aber wir wissen auch: Der 9. November markiert die Pogromnacht 1938, eines der düstersten Ereignisse der deutschen Geschichte. Diese Daten erinnern an Unfreiheit und Willkür, an Diktatur und Terrorherrschaft. Sie erinnern ebenso an deren Überwindung und an den Weg in die Freiheit, Einheit und Demokratie.

 

Dieses Wechselbad deutscher Geschichte – voller Schmerz und Leid, voller Glück und Freude – erwartet auch in Zukunft die Besucher der Villa Schöningen. Denn in der Geschichte dieses Hauses, das unmittelbar an der Glienicker Brücke liegt, spiegeln sich in besonderer Weise Traum und Trauma unserer einst geteilten und nun geeinten Nation wider. Der Titel der Dauerausstellung, „Spione. Mauer. Kinderheim – An der Brücke zwischen den Welten“, drückt dies auf wunderbare Weise aus.

 

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Glienicker Brücke. Sie liegt heute auf der Route, die schon im Mittelalter als kontinentale West-Ost-Verbindung genutzt wurde – von Brügge über Berlin nach Nowgorod. Seit 1949 verlief quer über die Glienicker Brücke faktisch die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Eine weiße Markierungslinie auf der Brückenmitte trennte Berlin und Potsdam und teilte Deutschland, Europa und die Welt in zwei grundlegend verschiedene Systeme. Aber sie war auch eine Brücke, die einen schmalen Grat der Verbindung zwischen den antagonistischen Weltblöcken darstellte. Durch den Austausch von Agenten wurde das Bauwerk zu einem weltweit bekannten Symbol des Kalten Krieges. Die Brücke trennte und sie einte. Sie ist ein Symbol deutsch-deutscher Geschichte.

 

Auch die Villa Schöningen hat eine Brückenfunktion; sie wird das in Zukunft für viele, viele Menschen erlebbar machen: Sie soll ein Ort der Begegnung und der Auseinandersetzung mit unserer Zeitgeschichte werden. Ich finde besonders bemerkenswert, dass auch Zeitzeugen in das Ausstellungskonzept einbezogen wurden. Berichte von Zeitzeugen gehören wohl zu den eindringlichsten Mitteln, sich der Vergangenheit zu nähern. Sie berühren uns emotional. Sie verbinden uns unmittelbar mit historischen Ereignissen. Es ist sehr spannend, dass uns der 20. Jahrestag des Mauerfalls die Wende zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in besonderem Maße spüren lässt. Gegenwart geht in die Geschichte über. Zu keinem Jahrestag – ich kann mich jedenfalls nicht erinnern; nicht zum 5., nicht zum 10. und nicht zum 15. – gab es eine solche Bereitschaft, über das Erlebte zu sprechen, oder auch die Fähigkeit, das Erlebte aufzunehmen und weiterzugeben wie hier in diesem Hause.

 

Ich glaube, es wird hier eine sehr gelungene Korrespondenz zwischen Geschichte und Kunst geben, was man auch nicht überall findet. Hier entsteht eine einzigartige Verbindung zwischen historischer Dauerausstellung und wechselnden zeitgenössischen Kunstausstellungen. Es wird sehr spannend sein, was in 20 Jahren hier oben auf der zweiten Etage zu sehen sein wird. Die Dauerausstellung zur Geschichte und die Kunstausstellungen haben gemeinsam die deutsche Teilung und Einheit, Diktatur und Demokratie, Unfreiheit und Freiheit zum Thema. Aus dieser Verbindung von Geschichte und Kunst wird auch eines deutlich: Kunst braucht Freiheit. Während Diktaturen Kunst als Mittel zum Zweck oft missbrauchen, ist in der Demokratie die Freiheit der Kunst gewährleistet. Sie ist sozusagen durch unsere Verfassung, durch unser Grundgesetz geschützt. Ich finde, es ist deshalb eine großartige Idee, die Villa Schöningen auch in künstlerischer Hinsicht als Freiheitsmuseum zu gestalten.

 

Der griechische Staatsmann Perikles hat einmal gesagt: „Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“ Ich finde, das passt sehr gut zu dem, worüber wir heute sprechen. Denn Mut haben die Bürgerinnen und Bürger in der ehemaligen DDR, in Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei gehabt, als sie gegen die kommunistischen Diktaturen aufbegehrt haben. Es ist ein wunderbares Zeichen, dass der polnische Außenminister heute bei uns ist, weil Solidarność ein Wegbereiter für unseren Weg war. Mut erforderte auch der Reformkurs von Gorbatschow, denn er hat damals in einer nicht einfachen Situation gehandelt oder andere handeln lassen und hat in die Friedliche Revolution nicht eingegriffen. Das war, lieber Michail Gorbatschow, sehr, sehr viel. Mut hatte auch die damalige Bundesregierung – ich freue mich, dass Hans-Dietrich Genscher heute bei uns ist –, als sie sich beherzt für die Menschen, die geflohen waren, eingesetzt hat und als sie mit ruhiger und erfahrener Hand den Weg in die Deutsche Einheit in Partnerschaft und Freundschaft mit unseren Nachbarn gestaltet hat. Henry Kissinger, ein herzliches Dankeschön für den Mut unserer amerikanischen Freunde. Nicht alle waren so selbstverständlich davon überzeugt, dass man uns Deutschen die Einheit wieder zutrauen konnte. Herzlichen Dank.

 

Meine Damen und Herren, man könnte den Eindruck bekommen, wir haben alles geschafft. Aber wir wissen, dass wir auch heute in unserer Zeit wieder viel Mut brauchen: Den Mut, Freiheit jeden Tag durchzusetzen – und zwar in dem, was wir politisch tun, und auch in dem, was jeder an seiner Stelle tut –, den Mut, sich dafür einzusetzen, dass andere in der Nachbarschaft nicht gedemütigt werden, den Mut, ein kleines Stück weit seine eigenen Interessen zurückzustellen, damit wir in der europäischen Gemeinschaft gemeinsam agieren können, und den Mut, Unrecht auch beim Namen zu nennen, wenn es etwa um Wirtschaftsinteressen und Rohstoffe geht.

 

All dies ist die Aufgabe unserer Zeit und unserer Generation. Ich glaube, die Villa Schöningen wird ein Platz sein, an dem die Besucher auch darüber nachdenken können: Was haben wir noch zu tun? Das, was wir erlebt haben, sollte uns Ermutigung sein, sehr mutig zu sein. In diesem Sinne hoffe ich, dass es ein guter Ort der Freiheit wird und, wie Herr Döpfner gesagt hat, ein „fröhlicher Ort der Freiheit“.

 

Herzlichen Dank, dass ich heute Abend hier dabei sein kann.

Sonntag, 8. November 2009

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