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Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Angel-Kanchev-Universität Ruse

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Montag, 11. Oktober 2010

in Sofia

Sehr geehrter Herr Rektor, lieber Herr Beloev,

sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Borisov,

sehr geehrte Angehörige der Angel-Kanchev-Universität,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte mich zuerst ganz herzlich bedanken für die überaus freundlichen Worte der Begrüßung und für die Laudatio, die mich sehr berührt hat und die ich nicht nur für mich, sondern auch für alle Menschen in unserem Lande entgegennehme, die sich der Wissenschaft und dem wissenschaftlichen Austausch verbunden fühlen. Es erfüllt mich mit großer Freude, diese Ehrendoktorwürde der Universität Ruse erhalten zu haben.

Ich selber konnte heute nicht nach Ruse kommen und bedanke mich deshalb auch dafür, dass Sie hierher gekommen sind. Ich darf Ihnen aber sagen, dass ich zu einer ganz anderen Zeit schon des Öfteren in Ruse war, allerdings nicht in der Universität, sondern eher auf dem Bahnhof. Denn die Züge, die von Berlin über Budapest und Bukarest nach Sofia und ins Pirin-Gebirge gefahren sind, haben immer in Ruse gehalten. Damals haben Sie wahrscheinlich nicht gedacht, dass Sie einmal in einem Land leben werden, das Mitglied der Europäischen Union ist. Und ich habe nicht gedacht, dass ich einmal als deutsche Bundeskanzlerin hier stehen und von Ihnen als Ehrendoktorin geehrt werde.

Die Universität Ruse gilt als eine der besten Universitäten in Bulgarien. Sie wurde 1945 zunächst als Hochschule für Technik gegründet und erst seit 1995 ist sie Trägerin der Bezeichnung Universität. Sie hat es aber in kurzer Zeit geschafft, sich zu einer auch über Bulgarien hinaus sehr angesehenen Universität mit internationaler Vernetzung zu entwickeln. Sie haben selber schon davon gesprochen: Das „Bulgarisch-Rumänische Interuniversitäre Europazentrum“ ist sozusagen ein Leuchtturm der Projekte an der Universität Ruse. Es wurde im Jahr 2000 von der deutschen Hochschulrektorenkonferenz im Rahmen des Stabilitätspakts für Südosteuropa als Beitrag zur hochschulpolitischen Zusammenarbeit initiiert. Ich möchte an dieser Stelle allen, die von deutscher Seite, von bulgarischer Seite und von rumänischer Seite an diesem praktischen Projekt mitgewirkt haben, ein ganz herzliches Dankeschön sagen.

Die Universität Ruse pflegt eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Mich freut natürlich besonders, dass es auch eine Partnerschaft mit der Universität Leipzig gibt, an der ich von 1973 bis 1978 Physik studiert habe. Jetzt haben Ruse und Leipzig mit mir sozusagen dieselbe Ehrendoktorin.

Ihre Universität hält aber nicht nur zu deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen engen Kontakt, sondern genauso auch zu deutschen Unternehmen. Es gibt also einen regen Austausch zwischen Theorie und Praxis. So sind Sie als Angehörige der Universität Ruse eifrige Brückenbauer zwischen Deutschland und Bulgarien, zwischen Wissenschaft und Technologie. Sie stehen damit in einer Tradition jahrhundertelang gewachsener Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern.

Das Interesse in Bulgarien an der deutschen Sprache und Kultur ist sehr groß. Deutsch ist hier nach Englisch die zweitbeliebteste Fremdsprache. Darüber freuen wir uns. Wir freuen uns genauso, dass viele junge Bulgaren als Studierende den Weg nach Deutschland finden. Mit 12.000 Studenten stellt Bulgarien nach China die zweitgrößte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland. Das ist uns eine sehr große Ehre.

Auch in kultureller Hinsicht begeistern wir uns gegenseitig. Als leuchtendes Beispiel möchte ich die Initiative von Frau Ljubka Biagioni zu Guttenberg erwähnen, die hier heute auch unter uns ist und die derzeit den Philharmonischen Chor und das Philharmonische Orchester von Sofia dirigiert. Mit ihrem Engagement will sie vor allem jungen Musikern eine Perspektive bieten. Gleichzeitig fördert sie damit natürlich den Kulturaustausch zwischen Deutschland und Bulgarien.

So gibt es viele wunderbare Beispiele für die gegenseitige Bereicherung unserer beiden Länder. Ich bitte darum, dass wir auf der Basis dieser fruchtbaren Zusammenarbeit auch an einer guten Zukunft für Bulgarien, Deutschland und damit auch für unser gemeinsames Europa arbeiten. Die Gespräche mit dem Ministerpräsidenten, Herrn Borisov, haben heute genau in diese Richtung gewiesen – in der gesamten Breite wirtschaftlicher, politischer und eben auch akademischer Zusammenarbeit.

Die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Ruse verstehe ich als Bestätigung, aber auch als Ansporn dafür, dass sich unsere beiden Länder auf dem Fundament gemeinsamer Werte als Mittler in einem geeinten und weltoffenen Europa erweisen. Deutschland war für Bulgarien sicherlich ein wichtiger Begleiter auf dem Weg in die Europäische Union. Bulgarien hat es sich zum Ziel gesetzt, die letzten verbleibenden Schritte zur vollständigen EU-Integration nun so schnell wie möglich zurückzulegen. Dabei darf ich Ihnen auch weiterhin die Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland zusagen.

Lassen Sie mich noch einmal ganz herzlich für die mir erwiesene Auszeichnung danken. Die Ehrendoktorwürde der Universität Ruse empfinde ich als Auftrag dafür, den europäischen Einigungsgedanken nach Kräften weiter zu festigen – und dies gemeinsam mit unseren bulgarischen Partnern. Ich bitte Sie, einen ganz herzlichen Gruß von mir an alle Lehrenden und alle Studierenden der Universität Ruse zu senden und noch einmal zu sagen, wie dankbar ich bin und dass ich die Ehrendoktorwürde als ein gutes Zeichen für unsere Beziehungen ansehe.

Montag, 11. Oktober 2010

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