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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Festakt „150 Jahre Bayer“ am 16. Juli 2013

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
Dienstag, 16. Juli 2013
Ort:
Köln

in Köln

Sehr geehrter Herr Dekkers,
sehr geehrter Herr Wenning,
sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, liebe Frau Kraft,
meine Damen und Herren,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bayer,

der Name Bayer hat einen festen Platz in der deutschen Industriegeschichte. 150 Jahre Bayer – herzlichen Glückwunsch. Der Name Bayer steht für Unternehmergeist. Heute ist auf Friedrich Bayer und Johann Friedrich Weskott schon verwiesen worden, die zu ihrer Zeit in Wuppertal-Barmen sicherlich nicht ahnten, dass aus ihrer Küchenproduktion 150 Jahre später ein Unternehmen mit 110.000 Mitarbeitern weltweit, davon 35.000 in Deutschland, werden sollte. Der Name Bayer steht für Erfolg. Die kleine Farbenfabrik ist Schritt für Schritt ihren Kinderschuhen entwachsen, fasste Fuß am neuen Standort Leverkusen, expandierte zunehmend ins Ausland; und immer wieder kamen neue Geschäftsfelder hinzu. Heute beschäftigt der Konzern eben 110.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet fast 40 Milliarden Euro Umsatz. Die Tinte, mit der diese Erfolgsgeschichte geschrieben wurde, ist Innovation. Bayer hat allein im vergangenen Jahr rund drei Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Das ist noch einmal eine Steigerung gegenüber dem Jahr zuvor.

Die Unternehmensgeschichte ist eine Geschichte des Wandels, der Erneuerung, der Neugierde. Ihre letzte große Umstrukturierung liegt erst wenige Jahre zurück. Seitdem sind besonders die Bereiche Gesundheit und Agrarwirtschaft im Unternehmensportfolio wichtiger geworden. Zusammen mit dem Geschäftsbereich Materialentwicklung haben Sie drei zentrale Motoren, die Ihre Arbeit für eine weltweit bessere Lebensqualität antreiben. „Science for a better life“ – das ist Ihr englischsprachiges Motto. So beschreiben Sie selbst Ihre Unternehmensmission. Das ist auch die zentrale Botschaft Ihres Firmenlogos – des legendären Bayer-Kreuzes. Sie nehmen sich vieler großer Herausforderungen unserer Zeit an – wir haben das gerade auch noch einmal im Film gesehen – ob Gesundheit und Ernährung, ob Mobilität, Sicherheit und Kommunikation. Das alles sind Bereiche, die die Lebensqualität der Menschen weltweit berühren.

Deshalb sage ich: Die Chemieindustrie muss auch in Zukunft in Deutschland fest beheimatet bleiben. Man wird ja heute manchmal gefragt: Was halten Sie eigentlich von Chemie; wollen Sie ein Leben mit Chemie? Wenn ich dann erstaunt schaue und sage „Können Sie ohne Chemie existieren?“, dann bekomme ich meistens nach längerem Nachdenken doch die Antwort, dass der Mensch durchaus ziemlich viel mit Chemie zu tun hat. Das heißt also, ein chemiefreies Leben ist nicht möglich. Mit dieser Einsicht wäre schon viel gewonnen. Dann würde nämlich an mancher Stelle auch die Liebe zur Chemie vielleicht wieder etwas stärker wachsen. Deutschland und Chemie gehören also zusammen.

Ich glaube, durch neue Herausforderungen entstehen auch neue Chancen – etwa im Bereich der Energie- und Rohstoffeffizienz. Wir haben als Bundesregierung eine Rohstoffstrategie entwickelt. Energieeffizienz spielt bei der Energiewende eine zentrale Rolle. Natürlich ist für ein Chemieunternehmen auch das Thema Energiepreise ein zentrales Thema, insbesondere auch angesichts weltweiter Entwicklungen wie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wir brauchen insbesondere für unsere industrielle Wertschöpfung vertretbare, wettbewerbsfähige Energiepreise. Deshalb – ich habe darüber mit der Ministerpräsidentin vor dieser Veranstaltung noch einmal gesprochen – werden wir auch in Brüssel entschieden dafür kämpfen, dass die Ausnahmeregelungen für die energieintensive Industrie weiterhin Gültigkeit haben, denn sie sind eine Voraussetzung für weltweite Wettbewerbsfähigkeit.

Wir möchten, dass Sie Ihre erfolgreiche Arbeit als Innovationstreiber fortführen. Innovationen von heute verändern die Welt von morgen. Oft ist man sich gar nicht bewusst – Herr Dekkers hat es gesagt –, auf welch langen Vorarbeiten sichtbare Innovationen beruhen. Das gilt für die Medizin, das gilt auch für viele andere Innovationen. Der Innovation immanent ist immer auch die Frage: Wird es ein Erfolg oder nicht? Das heißt, wenn wir innovativ bleiben wollen, dann müssen wir auch immer damit rechnen, dass manche Innovation nicht zum Ziele kommt und damit auch Folgeinnovationen nicht entstehen können. Es wurden im Zusammenhang mit Innovationen schon immer große Erwartungen in die Chemie gesetzt. Der Arzt und Alchemist Paracelsus soll seinerzeit gesagt haben: „Der wahre Zweck der Chemie besteht nicht darin, Gold zu machen, sondern Medizin herzustellen.“ In dieser Hinsicht hat sich Bayer als eine Goldgrube erwiesen. Viele Medikamente – das Aspirin ist hier schon genannt worden – haben Ihren Ruf geprägt. Und ich hoffe, viele weitere Gesundheitsentwicklungen und Medikamente werden auch die Zukunft von Bayer ausmachen.

Deutschland ist führend in der Gesundheitsversorgung. Im weltweiten Vergleich haben wir ein gutes Niveau. Aber angesichts des demografischen Wandels werden die Herausforderungen in diesem Bereich auch für die Bundesrepublik Deutschland zunehmen. Deshalb haben wir verschiedene Weichenstellungen von politischer Seite aus vorgenommen. Wir haben die finanzielle Basis unseres Gesundheitssystems neu organisiert. Wir haben die Strukturen für eine möglichst wohnortnahe medizinische Versorgung verbessert – dennoch wird hierbei in den nächsten Jahren noch viel zu tun sein. Und wir haben Anreize gesetzt, um auch qualitativ zu einer besseren Versorgung zu kommen.

Natürlich leistet auch die Pharmaindustrie ihren Beitrag dazu, dass die Gesundheitsversorgung besser werden kann. Aber sie muss auch einen Beitrag dazu leisten, dass die Kosten unseres Gesundheitssystems beherrschbar bleiben. In diesem Feld führen wir durchaus auch kritische oder kontroverse Gespräche. Ich will Ihnen zusagen, dass wir diese in einem Geist führen wollen, der einer innovativen Medizin in Deutschland weiterhin eine Heimat belässt. Dabei geht es auch immer wieder um therapeutischen Zusatznutzen. Allerdings weiß ich, dass patentgeschützte Medikamente auf langen Entwicklungszeiträumen beruhen. Wenn wir ein attraktiver Standort für die Pharmaindustrie bleiben wollen, dann müssen wir das nicht nur akzeptieren, sondern auch beachten und Patententwicklung möglich machen.

Die Bundesregierung hat ein Rahmenprogramm Gesundheitsforschung aufgelegt. Dabei geht es insbesondere um Verbesserungen von Prävention, Diagnose und Therapie der großen Volkskrankheiten. Ich glaube, erfolgreiche Standortpolitik wird in Zukunft auch immer mehr ein Ineinandergreifen von Wirtschafts-, Forschungs- und Gesundheitspolitik erfordern. Daher arbeiten wir in der Bundesregierung auch ressortübergreifend zusammen. Die Gesundheitswirtschaftskonferenz, die der Bundesgesundheitsminister und der Bundeswirtschaftsminister gemeinsam veranstaltet haben, ist ein Ausdruck dessen. Wir wissen aus vielen anderen Ländern der Welt, dass auch dort solche integrative Ansätze gewählt werden.

Kräfte bündeln muss man, wenn es nicht nur um Gesundheit, sondern auch um andere existenzielle Fragen geht, zum Beispiel um die Ernährungssicherung. Die Zahl der Menschen weltweit wird sich weiter erhöhen – von derzeit sieben Milliarden wahrscheinlich auf ungefähr neun Milliarden im Jahr 2050. Deshalb ist die landwirtschaftliche Produktivität für die Ernährungssicherheit eine Schlüsselfrage. Bayer stellt sich diesen Herausforderungen. Ihr Teilkonzern CropScience investiert in Pflanzenschutz, Pflanzenzucht und Pflanzeneigenschaften. Damit gestalten Sie die Landwirtschaft der Zukunft mit. Dies ist, global gesehen, ein ganz wichtiges Feld, wenn man die Diskussionen in vielen Ländern der Welt verfolgt. Daher lenkt die Bundesregierung mit ihrer „Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“ den Blick in die Zukunft. Wir wollen damit geeignete Rahmenbedingungen schaffen, damit Innovation in diesem Bereich auch in Deutschland stattfinden kann.

Bei allen Herausforderungen, vor denen wir stehen, setzen wir nicht auf das Prinzip Hoffnung, sondern auf neue Ideen und neue Erfindungen. Wissen ist für Deutschland die wichtigste Ressource im weltweiten Wettbewerb. Wissen schafft Wohlstand. Deshalb sind Bildung und Forschung zentrale Bausteine einer zukunftsorientierten Politik. Wir haben die Ausgaben für Bildung und Forschung in dieser Legislaturperiode um über 13 Milliarden Euro erhöht. Das ist der größte Anstieg, den es jemals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab. Aber das ist auch notwendig, wenn ich mir anschaue, wie andere Länder in diese Bereiche investieren.

Gute Bildung und Qualifizierung sind Voraussetzungen für erfolgreiche Forschung und Innovation. Deshalb haben wir gemeinsam mit den Ländern die Mittel für den Hochschulpakt aufgestockt. Dadurch werden weitere 300.000 Studienplätze entstehen. Aber es geht uns nicht nur um Quantität, sondern auch um Qualität. Deshalb gibt es auch einen Qualitätspakt Lehre, mit dem innovative Lehransätze gefördert werden.

Ich möchte auch noch einmal das unterstreichen, was die Ministerpräsidentin sagte: Bei aller Förderung der Hochschulausbildung muss auch die zweite Säule unseres beruflichen Bildungssystems, nämlich die duale Ausbildung, gestärkt werden. Ich bedanke mich in diesem Zusammenhang auch bei Bayer. Zum Erfolg des Ausbildungspakts leistet Bayer einen wesentlichen Beitrag. Das duale Ausbildungssystem verschafft sich derzeit auch weltweit einen guten Ruf. Auch deshalb wird es wichtig sein, dass wir es in Deutschland weiterhin hegen, pflegen und weiterentwickeln.

Ich möchte mich auch dafür bedanken, dass Bayer an vielen Projekten mitarbeitet. Das Schulprogramm ist hier schon genannt worden. Es ist gut, wenn junge Menschen auch in vielen anderen Ländern durch die Hilfe von Bayer für Naturwissenschaften begeistert werden. Das ist ein langfristiger oder langsam entstehender Prozess. Bei mir gab es auch nicht die eine Zündungssekunde, sondern die Freude an Naturwissenschaften hat sich langsam herausgebildet – auch durch gute Lehrer, spannende Vorträge und interessante Phänomene, die man sich zum Schluss sogar erklären konnte. Das ist ja gar nicht so einfach, zum Beispiel beim Regenbogen. Deshalb freue ich mich, dass auch das Projekt „Jugend forscht“ von Bayer begleitet wird. Sie haben schon zum vierten Mal die Patenschaft für diesen bundesweiten Ideen-Wettbewerb übernommen. Dafür ganz herzlichen Dank.

Es ist wichtig, dass junge Menschen frühzeitig für die sogenannten MINT-Fächer begeistert werden. Das gilt für Jungen, aber das gilt noch mehr für Mädchen, die bei diesen Fächern immer noch unterrepräsentiert sind. Wenn ich an meinen alljährlichen Empfang am „Girls’ Day“ denke und die jungen Mädchen nach ihren Berufswünschen frage, dann sehe ich, dass man sie durchaus noch mehr für den gesamten MINT-Bereich begeistern kann.

Wir haben es jetzt auch endlich geschafft, ausländische Berufsabschlüsse besser anzuerkennen – das hat in Deutschland viele Jahre gedauert. Auch seit Einführung der Blue Card könnte sich Deutschlands Ruf als ein Land, das Fachkräfte gerne willkommen heißt, verbessern.

Wir arbeiten also an Rahmenbedingungen, unter denen Sie bei Bayer und andere Unternehmen im weltweiten Wettbewerb bestehen können. Wir verbessern die Rahmenbedingungen auch auf europäischer Ebene. Wir wissen, dass es Europa gut gehen muss, damit es auch Deutschland auf Dauer gut geht. Deshalb tun wir alles für die Stabilisierung des Euro.

Wir sehen auch in den Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen zur Schaffung einer Freihandelszone zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa ein wichtiges Projekt, um uns neue Wachstumsmöglichkeiten zu erschließen.

Ich sage angesichts der aktuellen Diskussion allerdings auch, dass die Chancen in alle Richtungen genutzt werden müssen. Das digitale Zeitalter bringt völlig neue Herausforderungen mit sich. Deshalb muss das Thema Datenschutz in diesen Besprechungen auch eine zentrale Rolle spielen. Freiheit und Sicherheit müssen immer in einer Balance gehalten werden, auch in einer immer offeneren Welt. Ich bin dem Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor Terror ebenso verpflichtet wie dem Schutz der Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger. Der Zweck heiligt wirklich nicht die Mittel. Ich will an dieser Stelle auch unseren amerikanischen Partnern sagen: Auf deutschem Boden gilt immer deutsches Recht; und das werden wir einfordern.

Meine Damen und Herren, die Chemiebranche ist mit ihren mehr als 400.000 Beschäftigten eine der großen Stützen der deutschen Industrie. Das liegt auch daran, dass Unternehmen wie Bayer Nachhaltigkeit als eine unternehmerische Erfolgsstrategie verstehen. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Verantwortung – gerade auch im Rahmen der Tarifpartnerschaft – und Schutz natürlicher Lebensgrundlagen bedingen sich gegenseitig. Das wissen Sie bei Bayer nicht nur, sondern danach handeln Sie auch. Nachhaltigkeit verlangt die Fähigkeit, langfristig zu denken, Lebensqualität und Wohlstand von morgen schon heute in den Blick zu nehmen. Ein Unternehmen, das auf eine 150-jährige Geschichte blicken kann, blickt auch weit nach vorne.

Deshalb zum Abschluss noch einmal einen herzlichen Dank dafür, dass Bayer mit seinem Bayer-Kreuz das ist, was es heute ist: ein weithin leuchtendes Aushängeschild Deutschlands. Ich wünsche viel Erfolg dafür, dass Bayer das auch bleibt – Bayer als ein Symbol des Innovations- und Hightech-Standorts Deutschland, ein Unternehmen mit sicheren und guten Arbeitsplätzen, mit einer guten Gemeinschaft von Unternehmensführung und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mit spannenden Herausforderungen, die Sie gerne annehmen. Herzlichen Dank.

Dienstag, 16. Juli 2013

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