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Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann zum 60. Jahrestages der Gründung der Deutschen Wochenschau GmbH in Berlin

Redner:
Bernd Neumann
Gehalten:
Donnerstag, 19. November 2009

Zum 60. Jubiläum der Gründung der Deutschen Wochenschau GmbH würdigte Staatsminister Bernd Neumann die Entwicklung vom einstigen Produzenten der Wochenschau zum größten kommerziell geführten zeitgeschichtlichen Filmarchiv.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

ich gratuliere der Deutschen Wochenschau GmbH herzlich zum sechzigjährigen Jubiläum, auch im Namen der Bundesregierung! Mein Glückwunsch richtet sich an ein Unternehmen, das in einer schweren Zeit nach dem 2. Weltkrieg gegründet wurde und eng mit der Geschichte der Bundesrepublik verbunden ist. Die Deutsche Wochenschau GmbH hat sich vom einstigen Produzenten der Wochenschau zum größten kommerziell geführten zeitgeschichtlichen Filmarchiv entwickelt.

Sie vermarktet äußerst erfolgreich die Filmdokumente, die sich seit 1978 im Eigentum des Bundesarchivs befinden, einer der großen Institutionen, die meinem Haus zugeordnet sind. Am Erfolg der Deutschen Wochenschau GmbH hat das Bundesarchiv unmittelbaren Anteil, denn die Erlöse werden zwischen beiden Einrichtungen geteilt. Der finanzielle Nutzen ist aber nur ein Aspekt, viel wichtiger finde ich es, dass durch die Deutsche Wochenschau GmbH unser Kulturgut auch öffentlich sichtbar und nutzbar gemacht wird – ich wünschte, es gäbe mehr solcher idealer Lösungen!

Meine Damen und Herren,

lassen Sie uns gemeinsam zurückgehen in die Gründungszeit der Deutschen Wochenschau GmbH und damit auch zu den Anfängen der Bundesrepublik. Es war eine Zeit, in der kein einziges Wohnzimmer mit einem Fernseher ausgestattet war, aber dafür die Wochenschau – ein besonderes Kurzfilmformat – zum festen Programm jeder Kinovorstellung gehörte.

Die Deutsche Wochenschau hatte das Ziel, dem Zuschauer Bilder des aktuellen Geschehens in Deutschland und in der Welt zu präsentieren und ihn so visuell daran teilhaben zu lassen. Nach dem 2. Weltkrieg hatte es in Deutschland ein solches Format, das lange Jahre für Propagandazwecke der Nationalsozialisten missbraucht wurde, gewiss nicht leicht. Zu groß waren die Vorbehalte. Mit der Gründung der Deutschen Wochenschau GmbH übergaben die Alliierten die Wochenschau in die Hände des Bundes und schenkten der jungen Republik damit ein eigenes, autonomes Sprachrohr. Die Bedeutung dieses Schrittes kann gar nicht genug gewürdigt werden, denn nun hatte man endlich die Möglichkeit, sich selbst als ein friedliebendes und demokratisches Land zu präsentieren. Und genau das war nach der langen Zeit nationalsozialistischer Diktatur so wichtig.

In ihren Beiträgen verbreiteten Magazine wie die Neue Deutsche Wochenschau nicht nur Optimismus, Zuversicht und den Willen zum Neubeginn. Sie trugen ebenso zur Schaffung eines neuen Selbstbewusstseins und einer neuen nationalen Identität bei. Wochenschaureporter waren dabei, als Adenauer als Vertreter eines demokratischen Deutschlands seine ersten Auslandsbesuche absolvierte. Sie waren dabei, als die zerstörten Städte wieder aufgebaut wurden und sie waren dabei, als 10.000 deutsche Soldaten in Friedland in die Heimat zurückkehrten und so nach langen Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft ihre Kinder, Frauen und Mütter wieder in die Arme schließen konnten. Für mich persönlich sind das immer noch die bewegendsten Filmbilder dieser Zeit.

Man kann fast sagen, Wochenschauen sind das private Familienalbum der Bundesrepublik. Angefangen bei den ersten Gehversuchen, die ohne Frage eng mit dem Namen Adenauer verbunden sind – über die rebellische Jugendzeit und damit die Studentenproteste Ende der 60er Jahre – bis hin zur langersehnten Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Gerade in diesem Zusammenhang darf auch ein besonderes Format – der Deutschlandspiegel – nicht unerwähnt bleiben. Dieses von 1954 bis 1999 vom Bundespresseamt konzipierte Magazin prägte ganz entscheidend das positive Bild Deutschlands im Ausland. Vor allem bei der Berichterstattung über die deutsche Einheit spielte der Deutschlandspiegel eine ganz herausragende Rolle.

Man würde der Wochenschau aber wohl kaum gerecht werden, beschränke man sie ausschließlich auf die schweren Themen der Politik. Immerhin handelte es sich hierbei um ein Unterhaltungsformat, das auch Informationen aus Kultur, Sport, Technik und Mode präsentierte. Und so finden sich neben ernsten Themen auch heitere, skurrile Stoffe. Auch über Seifenkistenrennen, Hut-Modenschauen, balancierende Seelöwen und das Schaukochen des deutsch-amerikanischen Frauenclubs wurde berichtet. Wenn man so will, durchaus ein Vorläufer heutiger TV-Kochsendungen. Hier wurde den staunenden Zuschauerinnen ein bis dato völlig unbekanntes Gebäck namens „Muffin“ vorgestellt.

Meine Damen und Herren,

Wochenschauen sind wesentlich mehr als ein historisches Kinophänomen – die Wochenschau hat einfach Kulturgeschichte geschrieben! Mit ihrem schlendernden Gang durch das Weltgeschehen, der potpourriartigen Mischung verschiedenster Informationen, ist sie zu einem einzigartigen Zeitdokument avanciert. Und die Kamera des Wochenschaureporters war das Werkzeug, um diese Zeit auf Zelluloid zu bannen.

Wir alle wissen, dass die Kinowochenschau zwar der Aktualität von Fernsehnachrichten in den 70er Jahren nicht mehr standhalten konnte, doch aus dem öffentlichen Leben ist sie in Wahrheit nie verschwunden! Fernsehsender und Filmproduktionsfirmen haben längst die reich gefüllte Schatzkammer des Wochenschauarchivs für sich entdeckt und greifen heute regelmäßig auf den riesigen Fundus historischer Filmdokumente zurück. In zahlreichen TV-Dokumentationen begegnen wir daher den Bildern von damals wieder. Und nicht nur hier! Auch Spielfilmen wird durch Ausschnitte, die die Deutschen Wochenschau GmbH zur Verfügung stellt, historische Authentizität verliehen.

Ich denke da nur an Filme wie den Oscar-nominierten „Baader Meinhof Komplex“ oder an den äußerst erfolgreichen TV-Mehrteiler „Die Luftbrücke“. Filmbilder sind nun mal für uns ganz besondere historische Quellen. Durch ihre außergewöhnliche Kraft und Faszination werden wir mitten in die Vergangenheit hineingeführt – so lebendig und anschaulich, wie es andere Darstellungsformen kaum vermögen. Vielleicht ist es an dieser Stelle auch einmal an der Zeit, der traditionellen Geschichtswissenschaft, den Historikern, Mut zuzusprechen, die Scheu abzulegen und diese besonderen Filmdokumente auch als historische Quellen noch mehr zu nutzen!

Sie geben einen einmaligen Blick auf die bundesdeutsche Gesellschaft und können daher auch der Erforschung des Zeitgeistes dienen. Zu ihrem Fundus gehören mittlerweile die verschiedensten Wochenschauen, Monatsmagazine und Sonderberichte – insgesamt 12 Millionen Meter Filmmaterial. Das sind auch 12 Millionen Meter verfilmte Erinnerungen, 12 Millionen Meter Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, 12 Millionen Meter wertvolles kulturelles Erbe! Eine Gesellschaft, die über ein solches kulturelles Gedächtnis verfügt, ist eine reiche Gesellschaft und es ist der Arbeit der Wochenschau GmbH zu verdanken, dass wir hierauf so problemlos zurückgreifen können.

Damit leistet sie auch ganz besondere Verdienste auf dem Gebiet der historischen Bildungsarbeit. In diesem Zusammenhang ist es mir daher ein ganz besonderes Anliegen, die besondere Arbeit der Geschäftsleitung und aller Mitarbeiter der Deutschen Wochenschau GmbH zu würdigen! Ulrich Lenze, der sich bekanntermaßen auch als Autor, Regisseur und Produzent von Doku-Dramen einen Namen gemacht hat, steht seit zehn Jahren an der Spitze der Geschäftsführung von Cinecentrum! Ich danke Ihnen, Herr Lenze, und Ihrem Team für ihre wichtige Arbeit der Deutschen Wochenschau GmbH!

60 Jahre Deutsche Wochenschau GmbH ist eine Erfolgsgeschichte. Grund genug, heute gemeinsam zu feiern. Herzlichen Glückwunsch zum 60-jährigen Bestehen!

Donnerstag, 19. November 2009

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